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Der Dinosaurier als Wissensobjekt

Fossile Dinosaurierknochen auf dem Dachboden des Museums für Naturkunde. Back to top

Der Dinosaurier als Wissensobjekt

Im Jahr 1912 bezeichnete der Paläontologe Edwin Hennig (1882–1977) die Tendaguru Expedition als eine „nationale Ehrenpflicht“. Ein paar Jahre zuvor hatte Hennig seine Promotion bei Otto Jaekel (1863–1929) abgeschlossen – ihm war daher äußerst bewusst, was während dieser ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auf dem Spiel stand: Nichts weniger als der epistemische, soziale und politische Rang der deutschen Paläontologie. Wie Jaekel in einigen Publikationen herausgestellt hatte, hatte die deutsche Paläontologie ihre biologische Ausrichtung und daher ihre disziplinäre Autonomie seit dem Tod Karl von Zittels (1904) zunehmend verloren. Die Entdeckung eines spektakulären, gut erhaltenen ausgestorbenen Tiers kam daher gerade zur rechten Zeit. Es keimte schnell Hoffnung auf, damit der deutschen Paläontologie wieder zu Ansehen verhelfen zu können. Tatsächlich waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nur wenige Dinosaurierfunde in europäischen Museen vorhanden. Einen eigenen Dinosaurier vorweisen zu können, war daher ein Wendepunkt für den Ruf des Berliner Naturkundemuseums – vor allem, da damit auch eine hohe wissenschaftliche Bedeutung verbunden war und man sich von anderen europäischen Museen abheben konnte, in denen nur Gipsabgüsse aus Nordamerika ausgestellt wurden.

Darüber hinaus hatten Dinosaurier einen symbolischen Wert in der deutschen Paläontologie – sie zeigten die „biologische Natur“ dieser Disziplin. Daher mussten „die Palaeontologen also in die Lage versetzt werden, ihre hauptsächlichste Ausbildung nicht mehr auf chemisch-physikalischer, sondern auf biontologischer Grundlage zu suchen“ (Jaekel, 1914). So war es nicht verwunderlich, dass das erste Treffen der deutschen paläontologischen Gesellschaft 1912 in Halberstadt einberufen wurde, da „Herr Jaekel seine neuesten Funde von Dinosauriern und anderen Trias- Wirbeltieren demonstrieren wollte“ (Jaekel, 1914). Der Fund des riesigen Brachiosaurus eröffnete eine Debatte über die Natur der morphologischen und der phylogenetischen Praxis und die Mechanismen des Aussterbens, welche in der deutschen Paläontologie im frühen 20. Jahrhundert lange zentral blieb.

Das Teilprojekt befasst sich mit dem Brachiosaurus brancai als einem bedeutenden wissenschaftlichen Realobjekt, als einem Prestigeobjekt für das Museum und vor allem als eine unvergleichbare Möglichkeit, die deutsche Paläontologie als biologische Disziplin wieder zum Leben zu erwecken.

Marco Tamborini beendete im September 2017 seine Arbeit im Projekt „Dinosaurier in Berlin“.

Veröffentlichungen (Auswahl)