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Sonderprojekt "Schmetterlingskoffer"

Schmetterlingskoffer, Foto: Carola Radke Back to top

Sonderprojekt "Schmetterlingskoffer"

Vergessene Post aus Übersee

In einem alten Überseekoffer aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts schlummerten rund achtzehntausend Falter ihren Dornröschenschlaf. Sie wurden auf der letzten Forschungsreise des Naturforschers Arnold Schultze von 1934-1939 im kolumbianischen Hochland gesammelt. Als er und seine Frau Hertha sich 1939 im brasilianischen Hafen Pará an Bord der "Inn" begaben, ist die Lage in Europa bereits angespannt. Ende August verlässt das Schiff den Hafen. An Bord hat es neben Hartholz, Gummi und Häuten nur die beiden Passagiere Schultze und ihr wertvolles Gepäck: einen Schatz aus acht Jahren Forschungs- und Sammlungsarbeit in Südamerika mit zahlreichen Pflanzenproben, Tierpräparaten, Fotos, Aufzeichnungen und Notizen. Vor den kanarischen Inseln wurde die "Inn" zwei Tage nach Beginn des 2. Weltkrieges von einem britischen Kriegsschiff gestoppt.

"Am Vormittag des 5. September wurden wir von einem englischen Flugzeug überflogen. Am Nachmittag standen wir etwa 300 Seemeilen südwestlich von Teneriffa,(...),und wurden dort von einem englischen Kreuzer angehalten. (...) Nur das Notdürftigste durften wir an Wäsche retten und dazu unsere lieben Vögelchen. Das spielte sich alles in wenigen Minuten ab. Dann wurde unser Schiff durch zwölf Kanonenschüsse versenkt, mit ihm all unser Besitz, vor allen Dingen die unersetzlichen Sammlungen. Wir sind jetzt bettelarm."

Ein kleiner Teil der Sammlungen wurde jedoch zuvor bereits postalisch auf den Weg nach Berlin gebracht. Als "Koffer 41/ Trockenmaterial" in den Kriegswirren am Museum für Naturkunde Berlin registriert und sicher eingelagert, warteten ca. 18.000 Schmetterlinge und Falter verpackt in Zeitungsausschnitten, Rechnungen, Briefe, herausgerissenen Romanseiten und anderem auf der Reise verfügbaren Papier, sortiert in 46 Zigarrenkästchen, auf ihre Präparation und wissenschaftliche Aufarbeitung.

Die Patenschaftsaktion zum 200-jährigen Bestehen des Museums

Bis 2010 war der Koffer fast unberührt in der Schmetterlingssammlung. Zum 200. Jubiläum des Museums und anlässlich der Veröffentlichung des Buches "Der Schmetterlingskoffer" von Hanna Zeckau und Hanns Zischler wurden die 46 Zigarrenkisten für je 250€ verpatet. Mit diesen Mitteln sollte das wertvolle Material präpariert und gesichert werden. Wir danken den Spendern, die mit der Übernahme der Patenschaft zum Erhalt dieser wertvollen, geheimnisvollen Schmetterlingssammlung beitragen haben.

Entwicklungen 2013

Die Präparation der Schmetterlinge wurde im Jahr 2013 in Angriff genommen. Der gesamte Inhalt des Koffers wurde nach Krakau (Polen) gebracht. Dort wurden die Falter im Zoologischen Museum der Jagellonian University von 2 Präparatorinnen aufgearbeitet. Der Leiter des Zoologischen Museums, Prof. T. Pyrcz ist selbst Schmetterlingsspezialist für die südamerikanische Fauna und hat uns diese Möglichkeit der Präparation angeboten. Er ist an der wissenschaftlichen Auswertung des Materials maßgeblich beteiligt. Es wurde ein Vertrag mit den Präparatoren abgeschlossen. Der vereinbarte Preis pro Falter beträgt 1 €. Insgesamt können also 11000 Falter präpariert werden.

Entwicklungen 2014

Ende März 2014 fuhr Dr. Wolfram Mey, Kustos der Schmetterlingssammlung, erneut nach Krakau und holte die erste Hälfte des präparierten Materials ab. Im Schmetterlingssaal des Museums für Naturkunde Berlin wurden zwei Schränke für die Aufnahme der Sammlung vorbereitet. Die Organisation der wissenschaftlichen Auswertung des Materials erlitt 2014 einen Rückschlag. Der bei der DFG eingereichte Antrag wurde trotz positiver Begutachtung abgelehnt. Das Fachgremium der DFG sieht für das Projekt andere Geldgeber in der Pflicht. Das restliche präparierte Material wurde aus Krakau abgeholt. Für die wissenschaftliche Auswertung des Materials wurde ein Antrag bei der Volkswagenstiftung eingereicht.

Entwicklungen 2015

Ende April 2015 hat der Kurator der Lepidoptera und Trichoptera Sammlung (Schmetterlinge, Köcherfliegen) Dr. Wolfram Mey das restliche Material aus dem Schmetterlingskoffer aus Krakau an das Museum für Naturkunde Berlin zurück geholt. Alle im Koffer befindlichen Falter sind jetzt präpariert und in unsere Sammlung eingezogen. Die Präparatoren haben ausgezeichnete Arbeit geleistet. Als nächster Schritt wurde die Etikettierung der Tiere in Angriff genommen. Dazu wurden alle Exemplare vorsortiert und in eine Datenbank eingetragen. Leider ist die Mitarbeiterin, die dies im Rahmen eines Drittmittelprojektes durchgeführt hat, im September aus dem Museum ausgeschieden bevor die Arbeit zum Abschluss gekommen ist. Für die wissenschaftliche Bearbeitung des Materials ist ein Antrag bei der VW Stiftung gestellt worden. Eine Entscheidung darüber ist bis jetzt noch nicht gefallen.

Entwicklungen 2016

Zeit und Geld, die bisher in das Projekt geflossen sind wären sinnlos, wenn das Material nicht auf Artniveau identifiziert und wissenschaftlich ausgewertet werden würde. Die wenigen Experten auf diesem Gebiet leben in Nord- und Südamerika und haben alle Hände voll zu tun. Was sollte diese Kollegen veranlassen, eigene Forschungsarbeiten liegen zu lassen und in Berlin die Arten aus dem Schmetterlingskoffer zu bestimmen? Überzeugungsarbeit war gefragt, verbunden mit dem Angebot, alle Kosten zu erstatten und die Ergebnisse in einem separaten Buch zu veröffentlichen. Zum Glück hatte die VW Stiftung in ihrem laufenden Programm den Förderschwerpunkt „Forschung im Museum“ eingerichtet und war bereit, einen Workshop in Berlin zu finanzieren. Die eingeladenen Spezialisten kamen in September. Die Tage waren ausgefüllt mit intensiver Bestimmungsarbeit und Diskussion über die neotropische Tagfalterfauna. Als am 9. Oktober 2016 mit Prof. Gerardo Lamas aus Peru der letzte Experte abreiste, war klar, dass trotz aller Bemühungen das Material nicht vollständig bestimmt werden konnte. Doch der Funke war übergesprungen.

Ausblick 2017

Gegenwärtig können keine Zahlen genannt werden, wie viele Falter von welcher Art vorhanden sind. Kandidaten für neue bzw. unbeschriebene Arten sind ausgemacht worden. Einige Arten wurden seit der Beschreibung zum ersten Mal im Kofferinhalt wiedergefunden. Von vielen Fundorten liegt äußerst diverses und reichhaltiges Material vor, das Anlass genug für ein neues Projekt wäre, dass die heutige Fauna an diesen Orten mit der von vor 90 Jahren vergleicht. Doch erst soll das Schmetterlingskoffer-Projekt abgeschlossen werden. Ziel ist das Zusammentragen aller Ergebnisse in einer Monographie, die als einmaliges historisches Dokument für die Biodiversitätsforschung in Kolumbien von besonderer Bedeutung sein wird. Darüber hinaus steht das Schließen der Lücken im Lebenslauf der Person Arnold Schultze-Rhonhof im Fokus der Forschung.

Das Buch zum Koffer

Literarisch wurde die Geschichte des Naturforschers Arnold Schultze und "seines" Schmetterlingskoffers von Hanns Zischler und Hanna Zeckau recherchiert. Sie sichteten die wenigen Dokumente und Objekte, die aus Schultzes Nachlass in Berlin verweilen, werteten seine Aufzeichnungen, Tagebücher und Notizen aus der Historischen Arbeitsstelle des Museums aus und lasen seine in Fachzeitschriften publizierten kleineren und größeren Schriften. Aus Peru bekamen sie Anregungen und eine erste komplette, wissenschaftliche Bibliographie Schultzes von Gerardo Lamas, der nicht müde wurde, die in seinen Augen überragende Bedeutung Schultzes zu betonen. Daraus entstand das wunderschön illustrierte Buch, das das Leben und die letzte Reise des Botanikers, Ökologen und Sammlers in Splittern nachzeichnet und würdigt.

Das Buch "Der Schmetterlingskoffer" ist 2010 im Galiani Verlag Berlin erschienen.

Danksagung

Die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des MfN hat das Projekt von Beginn an im Jahre 2004 begleitet, unterstützt und für die nötige Publicity gesorgt, damit es ins Rollen kam. Hanna Zeckau und Hanns Zischler haben in ihrem originellen Buch die Geschichte des Koffers erzählt und sie der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Die perfekte Präparation der Falter erfolgte in Krakau durch Ewelina und Karolina Sroka unter Mithilfe von Thomasz Pyrcz. Im Museum ist die weitere Behandlung des Materials von Birgit Jänicke, Viola Richter und Konrad Ebert vorangetrieben worden. Ihnen allen gebührt mein Dank für die gute Arbeit, Ein besonderer Dank geht an den Vertreter der Volkswagenstiftung, Dr. A. Wessler, und die Gutachter des Antrags, die die Bereitstellung von Fördermitteln für den Workshop ermöglichten und damit den weiteren Fortgang des Projektes unterstützten. Bei der logistischen Bewältigung des Workshops und der Betreuung der Teilnehmer an den Wochenenden war die Rainer-Seegers-Stiftung am MfN mit Rat und Tat zur Stelle.