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Sie sind überall – am oberen Rand der Wolken, tief unter der Erde, am Boden des Ozeans, auf unserer Haut, in unserem Darm, auf den winzigen Staubteilchen, die wir mit der Atemluft in unsere Nasenlöcher einsaugen.

1683 ist Antoni van Leuwenhoek der erste Mensch, der Bakterien beobachtet. Er isolierte sie aus Zahnbelag. Heute wissen wir, dass Bakterien, Viren und sonstige Mikroben die größte Zahl von Lebewesen auf der Erde stellen und allein 100 Billionen sind in und auf jedem unserer Körper zuhause. Die allermeisten von ihnen leben in friedlicher KOEXISTENZ mit uns. Aber nicht alle.

In Wolsztyn führt Robert Koch 1876 in seinem Labor den ersten wissenschaftlichen Beweis, dass Bakterien Krankheiten auslösen können. Er identifiziert Bacillus anthracis als Erreger des Milzbrands. Für Viren wird dieser Beweis erst 1935 von Wendell M Sturgies erbracht. Beide Forscher werden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Das Influenza-Virus löste Anfang des 20sten Jahrhunderts eine verheerende Pandemie aus. Die sogenannte „Spanische Grippe“ forderte etwa 50 Millionen Opfer weltweit. Einhundert Jahre später zeigen aufkeimende Impf-Debatten in der Öffentlichkeit, wie weit der medizinische Fortschritt die Gefahren von Infektionskrankheiten aus unserem Bewusstsein verdrängt hat.

KOEXISTENZ möchte im Rahmen des vom Wellcome Trust entwickelten Projekts Contagious Cities, gemeinsam mit Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Bürger*innen eine neue Debatte über die Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Viren initiieren.

Simon Faithfull

Eine willkürliche Taxonomie der Vögel

Abstammend von dem altgriechischen Wort táxis für Ordnung steht der Begriff Taxonomie für die Klassifikation von Objekten. Sie ist essentieller Bestandteil unserer naturwissenschaftlichen Forschung und Ausgangspunkt für das Erkennen und Beschreiben von Zusammenhängen und Unterschieden.

Simon Faithfull war schon immer fasziniert von Vögeln. Seine Zeichnungen, die er seit dem Jahr 2000 anfertigt, haben ihn immer wieder zu diesen Tieren zurückgeführt, die er als alltägliche und dabei fremdartige, parallele Spezies beschreibt, die mit uns einen unmittelbaren Lebensraum teilt.

Während seiner Streifzüge durch das Museum für Naturkunde auf das Feld der Taxonomie aufmerksam gemacht, erschafft Faithfull in Anlehnung an J. L. Borges „The Analytical Language of John Wilkins“, seine ganz eigene Klassifikation der Vögel, unter anderem eine Kategorie für „Jene, die Vogelgrippe übertragen“. In seiner Arbeit macht er deutlich, wie unsere Beziehung zur Natur durch die Art und Weise, wie wir sie benennen und kategorisieren, geprägt ist, und fordert uns auf spielerische Weise auf, uns mit diesem Zusammenleben auseinanderzusetzen.

Sybille Neumeyer

Polyphone Begegnungen – eine narrative Kartierung des Virus (künstlerischer Rundgang und Kartierung)

Die Geschichte über Menschen, Tiere und Viren ist eine Geschichte über Beziehungen. Auf Sybille Neumeyers künstlerischem Rundgang, einer physischen und einer akustischen Karte werden Orte in und um das Museum für Naturkunde Berlin zum Storyboard für Fakten, Konzepte und Fragen rund um Influenzapandemien und Virologie. Dabei folgt sie nicht einer linearen Historie der Ansteckung, sondern zeichnet multi-disziplinär artenübergreifende und verwobene Geschichten der Grippe, Pandemien und Viren nach.

Auf ihrer Suche nach den unterschiedlichen Schichten und Randereignissen dieser Erzählung lässt sie sowohl lebende wie leblose Akteur*innen zu Wort kommen. Im Rahmen ihres Rundganges bekommen die Teilnehmer*innen die Möglichkeit unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen, wie die von Überträgern, Wirten sowie dem Virus selbst. Diese Art der Stimmgebung und polyphone Betrachtung dient als Methode eine rein anthropozentrische Perspektive zu durchbrechen und lädt zum Nachdenken über Koexistenzen ein.

Das Programm

Während der Laufzeit von Koexistenz wird auch das „Experimentierfeld für Partizipation und Offene Wissenschaft“ von der Thematik angesteckt und dient als Raum für Austausch und Debatte rund um das Zusammenleben von Mensch, Tier und Virus.

Dem Ablauf aller Koexistenzen folgend nehmen wir zunächst die Existenz des Anderen wahr, indem wir Kontakt zu verschiedenen Wissenschaftler*innen herstellen, die diese Koexistenz beforschen. Wir wissen nun von der Existenz und müssen das Andere einordnen und benennen. Wie läuft dies in der Wissenschaft ab, was ist eine wissenschaftliche Taxonomie?

Auf die Benennung folgt das Kennenlernen und der Austausch. Hierzu werden Dialogveranstaltungen und Interaktionsmöglichkeiten mit Wissenschaftler*innen und Künstler*innen angeboten.

Und schließlich berichten wir von den Begegnungen und erzählen Geschichten. In Schreibwerkstätten und Workshops entwickeln sich unterschiedliche Perspektiven.

Hier finden Sie alle Termine rundum Koexistenz. Änderungen vorbehalten.

Künstlerischer Rundgang

06.06.2019, 15:00 Uhr Artistic Walk  mit Sybille Neumeyer

06.07.2019, 15:00 Uhr Artistic Walk  mit Sybille Neumeyer

08.08.2019, 15:00 Uhr Artistic Walk  mit Sybille Neumeyer

Veranstaltungen im Experimentierfeld

11.07.2019, 16:00 Uhr Artist Talk mit Sybille Neumeyer, Terry Jones und Tahani Nadim

09.08.2019, 16:00 Uhr Artist Talk mit Simon Faithfull (in englischer Sprache)

21.08.2019, 16:00 Uhr Museumssalon

30.08.2019, 16:30 Uhr Performance Lecture mit Simon Faithfull (in englischer Sprache)

04.09.2019, 19:00 Uhr Performance Lecture mit Sybille Neumeyer und Till Bovermann