Große Biodiversitätswand in der Ausstellung „Evolution in Aktion“ mit zahlreichen präparierten Tieren und Naturmaterialien. In einer mehrteiligen Glasvitrine sind Fische, Schildkröten, Schlangen, Krokodile, Delfine, Säugetiere, Muscheln, Korallen und weitere Organismen aus verschiedenen Lebensräumen arrangiert.

Evolutions-Update

Das Museum für Naturkunde Berlin steckt in einem umfassenden Evolutionsprozess. Im laufenden Betrieb entwickelt es sich zu einem lebendigen Forschungsmuseum, das Wissenschaft, Sammlung und Wissenstransfer zusammendenkt und sich der Gesellschaft in allen Bereichen öffnet. Bis 2035 entsteht so ein Ort des Wissens und der demokratischen Diskussion über Natur im Zentrum der Stadt. Doch wie weit ist die Evolution des Museums bisher vorangeschritten? Generaldirektor Johannes Vogel und Geschäftsführer Stephan Junker geben ein Update.

Herr Junker, Herr Vogel, das Museum für Naturkunde Berlin steckt mitten in einem Prozess der „Häutung“, aus dem ein runderneuertes Forschungsmuseum hervorgehen wird – baulich, mit einem Neubau in Adlershof und der Sanierung des alten Gebäudes an der Invalidenstraße, aber auch im Selbstverständnis. Wie wird sich das Museum bis 2035 verändern?
Junker Wir wollen uns von einem klassischen Naturkundemuseum zu einem lebendigen Forschungsmuseum entwickeln. Das heißt, wir werden ein Ort sein, an dem sich Wissen nicht mehr hinter Vitrinen versteckt, sondern für alle verfügbar ist. Wenn man das auf eine Formel bringt, kann man sagen: Weniger Vitrine, mehr Teilhabe.
Vogel Als Institution mit 216-jähriger Geschichte wollen wir die Relevanz unserer projizieren. Das geht nur über Veränderung. Als evolutionsbiologisches Institut wissen wir, dass man sehr schnell laufen muss, um relevant zu bleiben. Das ist Teil unserer DNA – wir ringen ständig um die besten Lösungen für unsere Zukunft, erlauben unterschiedliche Perspektiven und regen zum Mitdiskutieren an. Das ist ein Grund, warum wir das beliebteste Museum in Berlin sind.

Seit 2018 gibt es einen klaren Zukunftsplan, der vorgibt, wie sich das Museum baulich entwickeln wird, wie es seine Sammlung zukunftsfähig machen und sich öffnen will. Wieviel ist davon bereits auf den Weg gebracht?
Junker Wir stecken mittendrin, auch wenn das nach außen vielleicht nicht so sichtbar ist. Wir haben Millionen von Objekten digital erschlossen, riesige Dateninfrastrukturen geschaffen und neue Forschungsnetzwerke aufgebaut. Wir machen aus dem analogen Schatz unserer Sammlung eine offene Wissensinfrastruktur und haben für die Sanierung des historischen Museumsgebäudes an der Invalidenstraße sowie den Neubau in Adlershof alles in die Wege geleitet. Wir haben, wenn man so will, unser gesamtes Betriebssystem neu geschrieben.

Eine gewaltige Aufgabe …
Junker Als wir die Finanzierungszusage von Bund und Land für unseren Zukunftsplan bekommen haben, waren wir plötzlich in einer echten Start-up-Situation. Wir mussten viele neue Leute einstellen und überhaupt erstmal eine Bauabteilung schaffen. Zwei Drittel der Angestellten unserer Verwaltung sind in den letzten drei Jahren neu ans Museum gekommen. Der Zukunftsplan ist also nicht nur eine Häutung nach außen, auch der gesamte Museumskörper hat sich verändert.
Vogel Wir haben das Glück, dass viele kompetente Leute bei uns arbeiten wollen, weil sie unsere Vision und deren Relevanz für die Gesellschaft teilen. Natürlich ist es ein Spagat, das Museum lebendig und arbeitsfähig zu halten und gleichzeitig so drastisch zu verändern. Unsere Verantwortung liegt jetzt darin, den vielen Forschenden an unserem Haus trotz aller Veränderungen einen attraktiven Arbeitsplatz zu bieten.

Generaldirektor Johannes Vogel und Geschäftsführer Stephan Junker stehen in einem Sammlungsmagazin des Museums für Naturkunde Berlin zwischen Regalen mit präparierten Tieren und Archivboxen. Die beiden blicken in die Kamera und lächeln.
Generaldirektor Johannes Vogel und Geschäftsführer Stephan Junker in der wissenschaftlichen Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin.
Foto: Pablo Castagnola

Ein Teil des Zukunftsplans ist die Öffnung des Museums gegenüber der Gesellschaft – was heißt das genau?
Junker Einerseits wollen wir uns räumlich öffnen. Die Besuchenden sollen nicht das Gefühl haben, in ein Monument von 1889 einzutreten, sondern in ein offenes barrierefreies Haus. Zudem machen wir unsere Sammlung weltweit digital zugänglich. Dazu kommt eine „kulturelle“ Dimension: dass wir Teilhabe ermöglichen und in einen Dialog mit den Menschen treten wollen.
Vogel In Berlin leben viele Menschen aus aller Welt und begreifen die Stadt als ihre neue Heimat. Wir arbeiten daher auch mit Schulklassen in Wedding, die einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund haben. Das ist für uns auch ein Teil der Öffnung, weil wir uns fragen: Wie bleiben wir in einer sich verändernden Gesellschaft relevant?

Und wie weit sind Sie damit, die Sammlung mit ihren rund 30 Millionen Objekten zukunftsfähig zu machen?
Vogel Unsere Kernaufgabe ist es, diese globale Sammlung zu bewahren und zukunftsfähig aufzustellen. Damit sind wir schon weit. Wir haben einige Teile der Sammlung, etwa die Säugetiersammlung oder die Schneckensammlung, mit Millionen Objekten digital und analog komplett erschlossen. Analog heißt, dass wir die Objekte für die Zukunft gesichert haben. In der ZUGvögel-Ausstellung kann man sehen, wie eine gereinigte und neu aufbereitete Sammlung aussieht.

Das Museum für Naturkunde Berlin ist ein integriertes Forschungsmuseum

Ein Ziel ist es auch, fürs Publikum zu öffnen, was früher in den Magazinen hinter verschlossenen Türen lag…
Vogel Genau, es wird eine Mischung zwischen thematischen Ausstellungen – wie bisher zum Beispiel schon im Saal „Evolution in Aktion“ – und zusätzlichen Einblicken in die Sammlung geben. Den Anfang haben wir mit der Nasssammlung gemacht, die öffentlich zugänglich ist, zuletzt kam die Sonderausstellung „ZUGvögel – Eine Sammlung in Bewegung“ dazu. Es gibt kein Naturkundemuseum weltweit, das seine Sammlungen so konsequent in den Mittelpunkt seiner Ausstellung stellt.
Junker Als Nächstes öffnen wir die Sammlung Hirsche und Hornträger sowie Säugetierschädel im Rahmen von Führungen, danach werden weitere folgen. Wir wollen damit zeigen, was eine wissenschaftliche Sammlung bedeutet, wie sie entstanden ist und wozu sie genutzt wird. Für uns ist das auch ein Demokratisierungsprojekt: Indem wir die Sammlung öffnen, schaffen wir die Möglichkeit, an ihrem Wissen teilzuhaben. Das ist, wenn man so will, der politischste Schritt, den ein Naturkundemuseum gehen kann.

Die „Häutung“ im Denken hin zu einem offenen und lebendigen Forschungsmuseum ist also schon weit fortgeschritten – wie weit sind Sie denn mit der baulichen „Häutung“?
Junker Für unseren Neubau in Adlershof haben wir die Baugenehmigung bekommen und werden aller Voraussicht nach in der zweiten Jahreshälfte den ersten Spatenstich machen. Dort wird unser Zukunftslabor entstehen, wo wir die Sammlung bewahren, beforschen und digitalisieren. Für die Invalidenstraße befinden sich die Pläne in der letzten Phase. Aktuell läuft die Sanierung des Westflügels, wo wir künftig unsere Bildungsangebote versammeln werden. Im nächsten Schritt wird im hinteren Bereich des Geländes ein Forschungs- und Laborgebäude gebaut. Und in der letzten Phase, ab etwa 2031, erweitern wir die Ausstellungsfläche und gestalten das Hauptgebäude so um, dass wir unsere Sammlung und unsere wissenschaftlichen Ergebnisse in viel attraktiverer Form präsentieren können.

Vogel Wir können die neue Ausstellungsfläche problemlos bespielen. Wenn man 30 Millionen Objekte hat, dann fehlt es einem nicht an „Stoff“, insbesondere nicht, wenn man auch noch 220 Forschende beschäftigt. Alle unsere Ausstellungen orientieren sich daher an dem, was wir selbst haben und tun; wir kaufen keine Sonderausstellungen an. Mit diesem Konzept haben wir unsere Besuchendenzahlen in 20 Jahren versechsfacht.

Der Architekturwettbewerb für den Umbau des Gebäudes an der Invalidenstraße wurde 2023 entschieden – inwieweit ist der Entwurf auch eine Geste gegenüber der Stadt?
Junker Der Entwurf versteht das Museum als Teil Berlins. Das heißt, es wird mehr Durchlässigkeit und Öffentlichkeit geben und weniger Schwellen. Wir wollen es in Abstimmung mit dem Denkmalschutz schaffen, das Gebäude zur Stadt hin zu öffnen. Wenn man es betritt, wird man in eine Empfangshalle treten, die ohne Eintritt öffentlich zugänglich sein wird. Das Haus wird weniger ein Aufbewahrungsgefäß für die Sammlung sein, dafür mehr wie ein Marktplatz.

Das Museum für Naturkunde Berlin ist auch ein Ort der Spitzenforschung mit mehr als 200 Forschenden. Wie wichtig ist die Erforschung der Lebensvielfalt und des Erdsystems für unsere Zukunft als Menschheit?
Vogel Der Mensch ist dabei, die Erde so zu verändern, wie sie noch nie zuvor von einem Organismus verändert wurde. Es gab Meteoriteneinschläge und Vulkanausbrüche, aber noch kein Organismus hat geschafft, was wir tun. Eine Frage, die wir uns stellen, ist, wie wir aus der „Klugheit des Lebens“ in den letzten 3,8 Milliarden Jahren lernen können. Wie können wir aus dieser Klugheit, mit der das Leben mit den drastischsten Veränderungen umgegangen ist, für die Zukunft der Menschen lernen? Das wird nur mit Maschinen gehen. Deswegen müssen wir digital werden, damit Künstliche Intelligenz mit den verfügbaren Daten arbeitet, um Lösungen zu entwickeln. Als Museum wollen wir Teil der Wissensinfrastruktur werden, die sich diesen Herausforderungen stellt – von der DNA bis hin zur Funktion der Ökosysteme. Denn funktionierende Ökosysteme sind schließlich das, was Kultur und Zivilisation überhaupt ermöglicht.
Junker Naturforschung ist zunehmend eine Forschung, bei der es um das Überleben geht – Überlebensforschung.

Andreas Rassuly und David Ware arbeiten in der Sammlung Fossile Invertebraten des Museums für Naturkunde Berlin. Gemeinsam bewegen sie ein großes fossiles Objekt auf einer Palette durch einen Saal mit historischen Holzvitrinen, in denen zahlreiche Fossilien ausgestellt sind.
Sammlungsmanager Andreas Rassuly und David Ware in der Sammlung Fossile Invertebraten.
Foto: Verena Brüning

Die Menschheit stellt gerade vieles auf die Kippe – wenn man an die ungebremste Klimakrise oder den anhaltenden Verlust von Naturräumen und Artenvielfalt denkt. Kann ein öffentlicher Ort des Dialogs, wie er das Museum für Naturkunde Berlin ist, zu einem Umdenken beitragen?
Junker Wir können Perspektiven aufzeigen, und das kann dazu beitragen, Gedanken und Verhalten zu ändern. Wir wollen die Köpfe der Menschen erreichen, aber auch die Herzen. Die Leute sollen die Magie der Sammlung spüren, sich von uns beruhigen, irritieren und inspirieren lassen. Oft sind es nicht gute Argumente, die Veränderung herbeiführen, sondern Erfahrungen. Es ist ein Erlebnis, in unser Haus zu kommen. Schon, wenn man in den Dinosauriersaal tritt und nach oben guckt – dann hat man mit einem Schlag die Naturgeschichte emotional erfahren. Allein das kann etwas bewirken.
Vogel Wichtig ist auch, dass wir ein nichtkommerzieller Ort für Gemeinschaft sind. Denn was uns gerade große Sorge machen muss, ist, dass es nur noch wenige Orte für Gemeinschaftsgefühl gibt. Viele unserer Gefühle und Bedürfnisse sind supersmart kommerzialisiert worden. Wir schaffen einen Gegenpol. Und das funktioniert. Wir sind einer der wenigen geliebten nichtkommerziellen Orte für Gemeinschaft in Berlin. Warum kommen sonst so viele Menschen zu uns?

Welche Botschaft will das Museum für Naturkunde Berlin in die Welt tragen?
Vogel Für Natur und für Demokratie.
Junker Wir stehen nicht außerhalb der Natur, wir sind Teil davon.

Der Bund und das Land Berlin haben die Relevanz des Museums für Naturkunde Berlin bereits 2018 mit der Finanzierung des Zukunftsplans anerkannt. Welches Zeichen haben sie damit gesetzt?
Junker Das starke Zeichen, dass sie in uns eine relevante Zukunftsinfrastruktur sehen. Das ist mehr als eine Förderung. Es ist die Entscheidung darüber, dass eine Institution, die Wissen schafft, für die Gesellschaft wichtig ist. Gerade in einer Zeit, in der Fakten oft relativiert werden, ist das ein wichtiges Signal, das sagt: Wir investieren in einen Ort der Aufklärung des 21. Jahrhunderts.
Vogel Und dafür sind wir dankbar. Das ist ein großes Geschenk und eine große Verantwortung, der wir gerecht werden wollen.

Das Interview führte Mirco Lomoth.