
Federschau
Die Sammlung des Museums für Naturkunde wird zunehmend für Besuchende geöffnet – wie das gehen kann, zeigt die Sonderausstellung „ZUGvögel – Eine Sammlung in Bewegung“
Der Zukunftsplan des Museums für Naturkunde Berlin sieht vor, Besuchende an der Gestaltung von Ausstellungen teilhaben zu lassen. Bei der Sonderausstellung ZUGvögel ist dies bereits geschehen. Wie lief die Teilhabe und wer darf sonst noch mitreden? Ein Interview mit Linda Gallé und Uwe Moldrzyk, die für das Museum Ausstellungen konzipieren.
Frau Gallé, Herr Moldrzyk, für die ZUGvögel- Ausstellung haben Sie Besuchende befragt, um deren Interessen in den Mittelpunkt zu rücken. Ist das ein Prinzip für alle kommenden Ausstellungen des Museums?
Gallé Eine der großen Fragen am Anfang ist für uns immer: Wo sind die Kontaktpunkte zu den Besuchenden? Nur wenn wir die finden, werden sie sich für unsere Themen öffnen. Für die ZUGvögel-Ausstellung haben wir Besuchende in Gruppen durch die historische Vogelsammlung geführt und ihre Fragen und Assoziationen zu den Objekten gesammelt. Das haben wir über mehrere Monate mit mehr als 350 Personen gemacht. Dabei kam viel zusammen, von Fragen wie „Warum fehlt dem der Kopf?“ oder „Habt ihr auch ausgestorbene Arten?“ bis hin zu kleinen Anekdoten wie „Das ist doch ein Mauersegler, die landen immer bei mir im Hinterhof, und ich freue mich, wenn ich die höre, dann weiß ich, dass der Sommer kommt.“ Am Ende kristallisierten sich sieben Themenbereiche heraus, die zu den Kapiteln der Ausstellung wurden.

Foto: Pablo Castagnola

Foto: Thomas Rosenthal
Moldrzyk Die Einbindung der Besuchenden in die Ausstellungsarbeit ist Teil des Zukunftsplans. Wir wollen nicht länger nur unser Fachwissen an die Frau oder den Mann bringen, sondern viele Perspektiven aufgreifen. Für uns war das am Anfang nicht einfach, weil wir Bedenken hatten, uns die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung aus der Hand nehmen zu lassen. Aber es war sehr spannend zu sehen, wo die Überschneidungen mit den Ideen der Besuchenden liegen. Am Ende ist durch den Austausch alles ein bisschen lockerer geworden, nicht so schwergewichtig.
Wie sind denn jetzt die Reaktionen auf die Ausstellung?
Moldrzyk Die Leute bleiben sehr lange im Saal, weil es so viele Objekte in so vielen Kisten zu sehen gibt. Sie beschäftigen sich mit den Texten und hören sich die Stimmen der Vögel an. Das freut uns, weil es unser Anliegen ist, für naturkundliche Themen zu begeistern. Wer die Ausstellung besucht, soll etwas erleben, rausgehen und sagen: „Oh, das war aber toll!“ Erst im zweiten Schritt kommt dann, dass man auch etwas lernen kann.
Gallé Es hat auch verändert, wie wir selbst die Ausstellung und die Sammlung sehen. Wenn man mit Personen ins Gespräch kommt, die noch keinen Bezug zu Sammlungsobjekten haben, dann öffnet das auch für uns einen neuen Denkraum. Wir haben das mittlerweile auch für andere Sammlungen gemacht, etwa für die Sammlung Hirsche und Hornträger sowie Säugetierschädel, und viel dadurch gewonnen.
Wen binden Sie denn noch ein, wenn Sie eine Ausstellung gestalten?
Moldrzyk In der Sammlung Hirsche und Hornträger sowie Säugetierschädel haben wir festgestellt, dass sehr viele Objekte aus ehemaligen Kolonien stammen. Das hat uns dazu bewegt, Menschen aus den Herkunftsländern als Co-Kurator:innen anzufragen. Die bringen zum Teil einen kritischen Blick auf die Sammlung und ihre Entstehung mit, was für uns auch inhaltliche Öffnung bedeutet. Wir sehen diese Perspektiverweiterung und die Beschäftigung mit der Geschichte des Museums als unsere Verantwortung an.
Und wie wichtig ist die Expertise der Forschung?
Moldrzyk Wir kuratieren alle unsere Ausstellungen mit den Forschenden hier im Haus, gelegentlich auch mit Expert:innen von außerhalb. Wir erörtern mit ihnen, was das jeweilige Thema hergibt, da sie nun mal an der Quelle sitzen. Unsere Aufgabe ist es dann, ihr Fachwissen zu übersetzen, Geschichten daraus zu entwickeln und einen roten Faden zu finden.
Gallé Wir sind offen für viele Perspektiven. Vielleicht fragen wir in Zukunft auch mal Aktivist:innen an, wenn es um das Thema Klimawandel geht, oder binden Berliner:innen beim Thema Haustiere ein. Es muss aber immer zum Thema einer Ausstellung oder Sammlung passen. Wir öffnen uns nicht allein um des Öffnens willen, sondern weil es einen inhaltlichen Mehrwert bietet.
Das Interview führte Mirco Lomoth.