Blick durch die Forschungssammlung „Hirsche und Hornträger“. Dicht an dicht lagern Geweihe, Hörner und Schädel verschiedener Arten in hohen Regalanlagen.

Spitzentreffen

Die historischen Säle für Säugetierschädel, Hirsche und Hornträger sind saniert und mit eindrucksvollen Objekten bestückt. Bei der Gestaltung warfen auch afrikanische Co-Kurator:innen kritische Blicke auf Objekte aus ihren Heimatländern.

Der Provenienzforscher Richard Tsogang Fossi aus Kamerun zeigt mit seinen Recherchen, dass viele Sammlungsstücke des Museums für Naturkunde Berlin unter fragwürdigen Umständen nach Berlin gekommen sind.

Darf man einen Elefantenschädel als „Objekt“ bezeichnen? Unter welchen Umständen ist das Tier gestorben? Und wie ist es nach Berlin gelangt? Das ist die Art von Fragen, die Richard Tsogang Fossi stellt. Der Provenienzforscher aus Kamerun sieht hinter den naturkundlichen „Objekten“ in der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin unzählige Geschichten, die von Gewalt, Zwang und Komplizenschaft erzählen. Denn viele der Überreste von Nilpferden, Löwen oder Büffeln stammen aus einer Zeit, als das Deutsche Reich Kolonien in Afrika besaß – Kamerun zum Beispiel. „Kolonialbeamte, Händler oder Militärangehörige haben diese Tiere jagen und nach Europa bringen lassen“, sagt Tsogang, der an der Technischen Universität Berlin zur Kolonial- und Sammlungsgeschichte forscht. „Diese Dinge lagen nicht einfach auf dem Boden, so dass man sie aufsammeln konnte“, sagt er. „Oft werden sie als reine ‚wissenschaftliche Objekte‘ angesehen, aber sie haben vielfach auch eine gewaltsame Vergangenheit.“

Mit seinen Recherchen will Tsogang ins Bewusstsein holen, was in den Kolonien geschah, damit sich all die naturkundlichen Reichtümer in Berlin anhäufen konnten – Tausende von Tierüberresten allein aus den afrikanischen Kolonien. Das Museum für Naturkunde Berlin hat Richard Tsogang Fossi und acht andere Personen aus Ägypten, Burundi, Kenia, Namibia, Ruanda, Sambia, Tansania und Togo eingeladen, mit der Perspektive ihrer Heimatländer auf die Forschungssammlung Säugetierschädel zu schauen. Das Ergebnis sind neun „Interventionen“, die künftig im sanierten historischen Schädelsaal zu sehen sein werden.

Der Provenienzforscher Richard Tsogang Fossi steht in der Forschungssammlung „Säugetierschädel“ zwischen historischen Präparaten und Schädeln verschiedener Säugetierarten.
Richard Tsogang Fossi fand in der Forschungssammlung Säugetierschädel etliche Objekte aus seinem Heimatland Kamerun, die neben ihrer naturkundlichen Bedeutung auch Geschichten kolonialer Ausbeutung erzählen.
Foto: Pablo Castagnola

Tsogang baut dabei teilweise auf den Forschungen seiner Kollegin und Wissenschaftshistorikerin Lindiwe Breuer auf, die sich aktuell mit der Geschichte von Provenienzen und Provenienzforschung am Naturkundemuseum auseinandersetzt. In ihrem Artikel Der »erste deutsche Elefant« rekonstruiert sie erstmals die Geschichte des Jungtiers, das auf Befehl des Kolonialbeamten Hans Dominik 1899 in Kamerun gefangen und lebend an den Berliner Zoologischen Garten verschickt wurde. Es galt als der „erste deutsche“ Elefant, weil es aus einer deutschen Kolonie stammte. Nach seinem Tod kam der Schädel 1907 in die Sammlung des Museums, wo er heute als Holotyp des Afrikanischen Waldelefanten Loxodonta cyclotis einen hohen wissenschaftlichen Wert hat. „Was man schnell übersieht, ist, dass zehn Elefanten getötet wurden, um dieses Jungtier zu isolieren und zu fangen“, sagt Tsogang. „Es war eine Situation extremer Gewalt, zu der Einheimische unter Lebensgefahr gezwungen wurden.“

Hans Dominik hat in seiner Zeit in Kamerun bis zu 60 Elefanten erlegt, ihr Elfenbein „gesammelt“ und bekam für den jungen Elefanten 6000 Mark, ergaben Tsogangs Recherchen außerdem. An dem „Deal“ und seiner Vorgeschichte lässt sich die Logik kolonialer Ausbeutung erkennen. „Das war ein einträgliches Geschäft und eine Machtdemonstration eines weißen Kolonialherren, der die ‚wilden‘ Einheimischen so unterwerfen kann wie die Natur“, sagt Tsogang. Bei allem wissenschaftlichen Wert ist die Sammlung also auch ein Ergebnis des Raubs an der Natur und Unterdrückung von Menschen. „Das ist der Teil der Geschichte, der oft unsichtbar bleibt und den wir ans Licht holen wollen.“

Text: Mirco Lomoth 

Ergänzt durch das MfN Berlin am 13.07.2026.