Zwei Hände halten ein fossiles Objekt aus einer geöffneten Sammlungsschublade. Daneben liegt ein handschriftliches Etikett; weitere Fossilien sind in den Fächern der Schublade sichtbar.

Urahnen aus dem Stein

Mördermuscheln, Riesenschnecken, stieläugige Trilobiten – die Sammlung der fossilen Wirbellosen am Museum für Naturkunde Berlin enthält unzählige Schätze, die von der Evolution des Lebens erzählen.

Andreas Rassuly steht in der Forschungssammlung "Fossile Invertebraten" des Museums für Naturkunde Berlin und hält einen großen, spiralförmigen Ammoniten in den Armen. Hinter ihm befinden sich historische Vitrinen mit weiteren Fossilien.
Sammlungsmanager Andreas Rassuly mit einem großen Ammoniten. Ammoniten sind eine vor ca. 66 Millionen Jahren ausgestorbene Gruppe der Kopffüßer. Etwa 40.000 Arten sind bekannt.
Foto: Verena Brüning

Bisher lagerten einige der spannendsten Fossilien tief in den Schränken des Museumsmagazins. Jetzt werden viele Schätze gehoben. Sammlungsmanager Andreas Rassuly ist begeistert, dass eine alte Idee des Museums für Naturkunde Berlin wahr wird: Die Sammlung selbst zur Ausstellung zu machen.

Welche Evolution durchläuft der Saal der fossilen Wirbellosen derzeit, Herr Rassuly?
Früher war er ein vollgestopftes Magazin im ersten Obergeschoss, das für Besuchende verschlossen war. Der Zukunftsplan bietet jetzt die Möglichkeit, unsere Fossilien konservatorisch optimal aufzubewahren und digital zu erschließen, damit sie für Forschende und andere Interessierte zugänglich sind. Zudem haben wir die Chance, den Saal der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für mich als Sammlungsmanager ist das eine spannende Aufgabe. Normalerweise stellen wir Objekte für die Ausstellung zur Verfügung, künftig wird die Sammlung selbst zur Ausstellung – die Besuchenden können sie erleben und verstehen, welche Arbeit in ihr steckt und warum sie für die Forschung relevant ist.

Wie wollen Sie den Saal gestalten, damit er Forschung und Öffentlichkeit gerecht wird?
Was in den Schubladen liegt, bleibt dort sicher verwahrt für die Wissenschaft. Insgesamt werden etwa 400.000 Objekte im Saal bleiben, der Rest geht nach Adlershof. Die spannendsten und schönsten Fossilien werden wir in Vitrinen zeigen, zum Beispiel die vor 250 Millionen Jahren ausgestorbenen Trilobiten. Die sind entfernt mit Krebsen und Insekten verwandt, manche haben Hörner und Stachel, andere kleine Augen, Stielaugen oder große Facettenaugen. Ein Präparator hat jedes dieser Fossilien in vielen Stunden Arbeit fein herauspräpariert. So etwas Wertvolles darf nicht in einer geschlossenen Schublade versauern. Viele unserer Fossilien werden zum ersten Mal öffentlich zu sehen sein. Es wird viele Einblicke in die Sammlung geben, mit Informationen zu Objekten, zur Sammlungsarbeit oder zur Forschung daran. Wir haben die Paläontolog:innen im Haus gebeten, sich einzubringen, und Besuchende befragt, was sie gerne wissen würden.

Welchen Wert hat eine solche historische Sammlung überhaupt?
Die meisten Fossilien wurden vor dem Ersten Weltkrieg gesammelt, teilweise in Steinbrüchen, die es gar nicht mehr gibt. Deswegen ist es so wichtig, die Masse aufzuheben, weil jedes Fossil ein Individuum ist, das unwiederbringlich verloren wäre. Es wurde ein enormer Aufwand von vielen Menschen betrieben, um die Sachen ans Museum zu bringen und zu präparieren – damit die Merkmale des Tieres im Stein sichtbar werden. Der Wert der Sammlung liegt aber auch darin, dass man mit Forschung und Technologie immer wieder neue Erkenntnisse aus ihr herausholen kann. Es gab an unseren Fossilien beispielsweise eine Studie zur extremen Erderwärmung, die das Massenaussterben vor 200 Millionen Jahren auslöste. Die Analyse zeigt, dass damals vor allem spezialisierte Kalkschaler ausstarben, während ökologische Generalisten überlebten. Diese Daten können helfen zu prognostizieren, wie moderne Meeresökosysteme auf den aktuellen Klimawandel reagieren könnten.

Text: Mirco Lomoth

Dunkles Fossil eines Trilobiten in einer Gesteinsplatte. Der versteinerte Gliederfüßer zeigt deutlich die gegliederten Körpersegmente sowie den rundlichen Kopf- und Schwanzbereich.
Das Fossil eines Trilobiten aus der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin.
Foto: Pablo Castagnola

Fakten und Zahlen

1,2 Millionen

Objekte umfasst die Sammlung fossiler Wirbelloser, darunter Schwämme, Krebstiere, Muscheln oder auch ausgestorbene Gruppen wie Trilobiten.

400.000

Fossilien befinden sich in den Schubladen und Vitrinen des sanierten Sammlungssaals, der öffentlich zugänglich sein wird. 800.000 Objekte werden künftig in Adlershof aufbewahrt und erforscht.

Etwa 2 Milliarden

Jahre alt ist das älteste Fossil der Sammlung, es enthält Blaualgen (Präkambrische Stromatolithen), die zu den ältesten Spuren des Lebens zählen.