
Urahnen aus dem Stein
Mördermuscheln, Riesenschnecken, stieläugige Trilobiten – die Sammlung der fossilen Wirbellosen am Museum für Naturkunde Berlin enthält unzählige Schätze, die von der Evolution des Lebens erzählen.

Foto: Verena Brüning
Bisher lagerten einige der spannendsten Fossilien tief in den Schränken des Museumsmagazins. Jetzt werden viele Schätze gehoben. Sammlungsmanager Andreas Rassuly ist begeistert, dass eine alte Idee des Museums für Naturkunde Berlin wahr wird: Die Sammlung selbst zur Ausstellung zu machen.
Welche Evolution durchläuft der Saal der fossilen Wirbellosen derzeit, Herr Rassuly?
Früher war er ein vollgestopftes Magazin im ersten Obergeschoss, das für Besuchende verschlossen war. Der Zukunftsplan bietet jetzt die Möglichkeit, unsere Fossilien konservatorisch optimal aufzubewahren und digital zu erschließen, damit sie für Forschende und andere Interessierte zugänglich sind. Zudem haben wir die Chance, den Saal der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für mich als Sammlungsmanager ist das eine spannende Aufgabe. Normalerweise stellen wir Objekte für die Ausstellung zur Verfügung, künftig wird die Sammlung selbst zur Ausstellung – die Besuchenden können sie erleben und verstehen, welche Arbeit in ihr steckt und warum sie für die Forschung relevant ist.
Wie wollen Sie den Saal gestalten, damit er Forschung und Öffentlichkeit gerecht wird?
Was in den Schubladen liegt, bleibt dort sicher verwahrt für die Wissenschaft. Insgesamt werden etwa 400.000 Objekte im Saal bleiben, der Rest geht nach Adlershof. Die spannendsten und schönsten Fossilien werden wir in Vitrinen zeigen, zum Beispiel die vor 250 Millionen Jahren ausgestorbenen Trilobiten. Die sind entfernt mit Krebsen und Insekten verwandt, manche haben Hörner und Stachel, andere kleine Augen, Stielaugen oder große Facettenaugen. Ein Präparator hat jedes dieser Fossilien in vielen Stunden Arbeit fein herauspräpariert. So etwas Wertvolles darf nicht in einer geschlossenen Schublade versauern. Viele unserer Fossilien werden zum ersten Mal öffentlich zu sehen sein. Es wird viele Einblicke in die Sammlung geben, mit Informationen zu Objekten, zur Sammlungsarbeit oder zur Forschung daran. Wir haben die Paläontolog:innen im Haus gebeten, sich einzubringen, und Besuchende befragt, was sie gerne wissen würden.
Welchen Wert hat eine solche historische Sammlung überhaupt?
Die meisten Fossilien wurden vor dem Ersten Weltkrieg gesammelt, teilweise in Steinbrüchen, die es gar nicht mehr gibt. Deswegen ist es so wichtig, die Masse aufzuheben, weil jedes Fossil ein Individuum ist, das unwiederbringlich verloren wäre. Es wurde ein enormer Aufwand von vielen Menschen betrieben, um die Sachen ans Museum zu bringen und zu präparieren – damit die Merkmale des Tieres im Stein sichtbar werden. Der Wert der Sammlung liegt aber auch darin, dass man mit Forschung und Technologie immer wieder neue Erkenntnisse aus ihr herausholen kann. Es gab an unseren Fossilien beispielsweise eine Studie zur extremen Erderwärmung, die das Massenaussterben vor 200 Millionen Jahren auslöste. Die Analyse zeigt, dass damals vor allem spezialisierte Kalkschaler ausstarben, während ökologische Generalisten überlebten. Diese Daten können helfen zu prognostizieren, wie moderne Meeresökosysteme auf den aktuellen Klimawandel reagieren könnten.
Text: Mirco Lomoth

Foto: Pablo Castagnola