
So erkennst du die häufigsten Baumarten auch im Winter
von Madeleine Dontschev, Museum für Naturkunde Berlin
Im Winter gibt es in der Stadtnatur nicht viel zu entdecken – oder doch? Wer bei einem Winterspaziergang aufmerksam durch die Straßen der Stadt geht, kann auch in der kalten Jahreszeit erkennen, welche Bäume dort entlang des Weges stehen. Da im Winter bei Laubbäumen die Blätter als wichtigstes Bestimmungsmerkmal fehlen, muss man genauer hinsehen. Anhand des Aussehens von Knospen sowie der Beschaffenheit von Zweigen und des Stammes kann man ebenfalls die Baumart erkennen. In diesem Text erklären wir die wichtigsten Erkennungsmerkmale und beschreiben die wichtigsten Stadtbäume. Mit etwas Übung und einem Blick für Details kann so auch der nächste Winterspaziergang zur botanischen Exkursion werden.

Knospen-Kunde
Knospen sind aufgrund ihrer artspezifischen Erscheinung sehr gut für die Bestimmung von Laubbäumen im Winter geeignet. Form und Größe der Knospen sind von Art zu Art unterschiedlich. Manche Knospen sitzen auf Stielen, andere sind behaart. Sie enthalten Anlagen für neue Blätter oder Blüten, die auf engstem Raum gedrängt stehen und im Frühling austreiben. Häufig sind sie von sogenannten Knospenschuppen geschützt. Auch die Anzahl und Anordnung dieser Knospenschuppen kann ein wichtiges Erkennungsmerkmal sein. Knospen sind nur an den jüngsten Zweigen eines Baumes zu finden, die im letzten Sommer entstanden sind. Am Ende eines Zweiges kann eine sogenannte Endknospe stehen, die von Seitenknospen umgeben sein kann. Unterscheiden sich die Endknospe und die Seitenknospen optisch, kann das ebenfalls ein Hinweis auf die Art sein.
Rinde oder Borke?
Ein weiteres wichtiges Bestimmungsmerkmal von Laubbäumen im Winter ist die Beschaffenheit von Stamm, Ästen und Zweigen. Tatsächlich handelt es sich bei vielen Baumarten bei dem, was die meisten Menschen umgangssprachlich als Rinde bezeichnen, eigentlich um die sogenannte Borke. Das ist der sichtbare und äußerste Teil der Rinde, der aus abgestorbenem Gewebe und Kork besteht. Es gibt allerdings einige Arten, die keine Borke ausbilden, zum Beispiel die Rotbuche, die nur eine sehr glatte Rinde hat. Neben der Beschaffenheit der Borke können sogenannte Lentizellen auf der Rinde des Stammes und an jüngeren Ästen und Zweigen ein hilfreiches Bestimmungsmerkmal sein. Lentizellen sind Poren aus Kork, die zur Durchlüftung des Rindengewebes dienen. Anzahl, Größe und Vorkommen sind typisch für bestimmte Arten und Gattungen, daher sind sie für die Artbestimmung hilfreich.

Die Erkennungsmerkmale der häufigsten Laubbäume in der Stadt
Linde
Die Winterlinde (Tilia cordata) wird besonders gern in der Stadt gepflanzt. Die Knospen der Winterlinde sind 4 bis 6 mm lang, kurz und eiförmig. Sie haben 2 bis 3 rötliche bis weinrote Schuppen, die im Schatten leicht grünlich aussehen können. Die unterste Schuppe reicht meistens über die halbe Höhe der Knospe hinaus. Die Zweige der Winterlinde sind kahl und braunrot. Im Schatten können sie auch grünlich aussehen. Sie haben zahlreiche Lentizellen. Die Borke der Winterlinde ist im jungen Alter grau und sehr glatt, später wird sie braun-schwarz und zunehmend längsrissig gefurcht. Der Stamm ist oft von sogenanntem Stockausschlag umgeben. Dieser Begriff beschreibt neugebildete Sprosse am Fuße des Stammes. Ein weiteres Erkennungsmerkmal der Winterlinde sind ihre Früchte, die während des Winters am Baum hängen bleiben. Die Früchte sind kleine, kugelige Kapseln.


Ahorn
Ahorne sind beliebte Stadtbäume. Der Spitzahorn (Acer platanoides) wird in Städten besonders oft gepflanzt. Die Knospen des Spitzahorns haben 4 bis 6 weinrote Schuppen, die nur an jungen Trieben oder im Schatten grünlich aussehen können. Die Endknospe ist 8 bis 12 mm lang und kurz eiförmig sowie relativ breit und gedrungen. Die Seitenknospen sind kleiner, flacher und liegend eng am Zweig an. Die Zweige des Spitzahorns sind oliv-farben bis dunkelbraun oder teilweise grau mit hellen, länglich aufreißenden Lentizellen. Der Stamm des Spitzahorns ist in der Jugend zunächst glatt. Später entwickelt sich eine feine, längsrissige, graue oder dunkelgraue Borke.

Eiche
In Städten wird vor allem die Stieleiche (Quercus robur) angepflanzt. Die kurzen, kugelig-eiförmigen Knospen der Stieleiche sind meist gedrungener als bei anderen Arten. Außerdem haben sie kaum Kanten und sind ca. 1,5-mal so lang wie dick. Ein weiteres Merkmal der Stieleiche ist die knorrige Anordnung ihrer Hauptäste, die im Winter ohne Laub besonders auffällt. Die Zweige sind kahl. Jüngere Bäumen können anfangs eine eher glatte Rinde haben. Es entwickelt sich aber schnell eine tief gerissene, längs-gefurchte, hellgraue bis gräulich braune Borke. Das namensgebende Merkmal der Stieleiche sind die gestielten Eicheln, die sie von den meisten anderen Eichenarten unterscheidet. Sie sind bis zu 3,5 mm lang und erst grün, dann braun.


Platane
Ein weiterer häufiger Stadtbaum ist die Platane. Die Ahornblättrige Platane (Platanus x acerifolia) ist eine Hybrid-Art, also eine Übergangsform verschiedener Platanenarten. Die Art hat keine eindeutige Endknospe, sondern nur Seitenknospen mit abgerundeten Kanten und einer stumpfen Kegelform. Die Knospen sind jeweils nur von einer einzigen Knospenschuppe umhüllt. Anders als bei vielen anderen Baumarten sind die Knospen der Ahornblättrigen Platane nicht gegenständig, also direkt gegenüber voneinander angeordnet, sondern wechselständig. Außerdem sind die Knospen am Ende der Zweige mit bis zu 10 mm deutlich größer als die Knospen, die weiter an der Basis des Zweiges liegen. Die Zweige haben eine olivbraune bis rotbraune Farbe. Ältere Zweige können auch grau bis graubraun sein. Auf den Zweigen sind viele rundliche, hell ockerfarbene Lentizellen zu finden. Ein charakteristisches Merkmal der Art und der Gattung ist, dass sich die Rinde in großen Platten vom Stamm ablöst und so ein geflecktes Muster entsteht. Die Früchte der Ahornblättrigen Platane bestehen aus Kugeln, die auch im Winter am Baum hängen bleiben.


Kastanie
Die Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) ist in der Regel auch im Winter gut an den großen rot- bis dunkelbraun und stark klebrigen Knospen zu erkennen, die eiförmig zugespitzt sind. Die Endknospe ist mit ca. 2 cm größer als die Seitenknospen. Rosskastanien können bis zu 25 m hoch werden und entwickeln breite und ausladende Kronen mit im Alter überhängenden Ästen. Durch diese dicken, grau-braunen, herabhängenden Äste sind sie auch im Winter von weitem gut erkennbar. Die Borke ist bei jungen Bäumen glatt und hellbraun und reißt später schuppig auf, sodass kleinere und größere Platten entstehen.

Quellen und weiterführende Literatur
- Schulz, B. (2014) Gehölzbestimmung im Winter mit Knospen und Zweigen – 1900 Zeichnungen von Bernd Schulz. Stuttgart: Eugen Ulmer KG. 2. Aktualisierte Auflage.
- Schulz, B. (2009) Knospen und Zweige – 270 Gehölze im Winter bestimmen, 180 Strichzeichnungen und 280 Aquarelle des Autors. Ulmers Taschenatlas. Stuttgart: Eugen Ulmer KG.
- Roloff, A., Weisgerber, H., Lang, U., & Stimm, B. (2010) Bäume Mitteleuropas: Von Aspe bis Zirbel-Kiefer – Mit den Portraits aller Bäume des Jahres 1989 bis 2010. WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA.
- Bachofer, M., & Mayer, J. (2021) Der Baum-führer, Kosmos Naturführer, 370 Bäume und Sträucher Mitteleuropas. Stuttgart: Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG.
Bildquellen
- Bild 1: böhringer friedrich, CC BY-SA 2.5
- Bild 2: Stefan.lefnaer, CC BY-SA 4.0
- Bild 3: böhringer friedrich, CC BY-SA 2.5 & © 2025 Madeleine Dontschev, Berlin
- Bild 4: © 2025 Madeleine Dontschev, Berlin
- Bild 5: © 2025 Madeleine Dontschev, Berlin
- Bild 6: MurielBendel, CC BY-SA 4.0; MurielBendel, CC BY-SA 4.0; Fanghong, CC BY-SA 3.0; Menchi, CC BY-SA 3.0
- Bild 7: © 2025 Madeleine Dontschev, Berlin