
Biodiversitätsforschung, Umweltbildung, Aktivieren für Natur
Interview mit Dr. Nike Sommerwerk, Gewässerökologin am Museum für Naturkunde Berlin
Nike Sommerwerk ist die Co- Leiterin des Forschungsclusters NaturBerlin und Leiterin des Biodiversity Policy Labs (BPL). In den Jahren 2023 bis 2025 war sie die Co-Leiterin des von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt geförderten Forschungs- und Bildungsprojektes „Vielfalt Verstehen“ zur Berliner Stadtnatur.
Frau Sommerwerk, wie würden Sie das Projekt „Vielfalt Verstehen – Natur erforschen und erleben“ in drei, vier Sätzen beschreiben? Was ist das Besondere an diesem Projekt?
„Vielfalt Verstehen“ verbindet Forschung, Umweltbildung und Beteiligung der Stadtgesellschaft auf sehr konkrete Weise. Entlang der grünen Hauptwege Berlins wird die Stadtnatur erforscht und gleichzeitig für die Menschen vor Ort erlebbar gemacht. Besonders ist die enge Verzahnung von Wissenschaft und Bildungsangeboten sowie der Fokus auf langfristige Partnerschaften, etwa mit Schulen, Kitas und Initiativen, ebenso wie mit Fachgesellschaften und Verbänden. Das Projekt zeigt, wie Biodiversitätsschutz im urbanen Raum gestaltet und unterstützt werden kann.
Was sind aus Ihrer Sicht die drei bis fünf wichtigsten Ergebnisse des Projektes?
Ein zentrales Ergebnis ist, dass ökologisch wertvolle Flächen in Berlin sichtbar gemacht werden konnten. Gleichzeitig konnten viele Menschen, die vorher zum Teil erst wenig Zugang zu Umweltbildung gehabt haben, für die eigene Stadtnatur sensibilisiert und aktiv in ihre Gestaltung eingebunden werden. Dies geschah zum Beispiel in Pflanzaktionen während der Entstehung sogenannter Trittsteinbiotope, welche im Zuge des Projektes in Kooperation mit der Stiftung Mensch und Umwelt neu entstanden sind. Durch diese und weitere Aktivitäten wurden innerhalb der Projektlaufzeit insgesamt über 3000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene erreicht und gleichzeitig die Vernetzung von Ökosystemen in Berlin verbessert!
Durch das Projekt sind beständige Kooperationen mit Akteur:innen des Naturschutzes, mit Umweltbildungseinrichtungen, der Umweltverwaltung und der Zivilgesellschaft entstanden. Zum Beispiel sind acht langfristige Bildungskooperationen mit Schulen und Kitas etabliert worden. Dieses Gesamt-Netzwerk wird ergänzt durch begleitende wissenschaftliche Publikationen zum Zustand und der Entwicklung der Biodiversität in Berlin, welche nicht nur über das Projekt hinaus, sondern auch international Anwendung finden. In einer Veröffentlichung analysieren und vergleichen wir beispielsweise verschiedene Kenngrößen, sogenannte Indices, für die Überwachung der Entwicklung der biologischen Vielfalt in Städten, Kenngrößen, die eine Bewertung der Erreichung globaler und EU-Ziele im Bereich der biologischen Vielfalt ermöglichen und wiederum eine wichtige Hilfe beim Treffen politischer Entscheidungen sein können. Eine dieser Kenngrößen wird durch uns sogar das erste Mal weltweit überhaupt mit Daten versehen – mit Daten für Berlin natürlich. Im Projekt haben wir auch eine Übersicht der bestehenden Langzeitdaten zur Berliner Biodiversität zusammengestellt. Dadurch wissen wir jetzt viel besser, welche Biodiversitätsdaten für Berlin erhoben werden – und welche aber eben auch nicht.
Alle Publikationen, Leitfäden und Daten des Projektes bilden eine Grundlage für ein zukünftiges berlinweites Monitoring der biologischen Vielfalt. Zusammen mit den Gesamtergebnissen des Projekts bilden sie wichtige Bausteine für den langfristigen Erhalt und das Management der biologischen Vielfalt in sich schnell verändernden städtischen Räumen wie Berlin – wobei bewusst auch Themen wie (psychische) Gesundheit, Klimaanpassung und Umweltgerechtigkeit mitbeleuchtet werden.
Auf besonders großes Interesse gerade auch in der Umweltverwaltung sind unsere Arbeiten rund um die Schlüsselgebiete gestoßen. Worum geht’s? Wir haben bereits vorhandene Daten über in Berlin gefährdete Biodiversität zusammengetragen, harmonisiert und damit überhaupt erst auswertbar gemacht, und analysiert. So konnten wir für die ganze Stadt Gebiete identifizieren, die durch das Vorkommen gefährdeter Arten gekennzeichnet sind. Das sind die Berliner Schlüsselgebiete, die sogenannten „Key Biodiversity Areas“! Auch dieses Konzept wurde hiermit weltweit erstmals für den städtischen Raum angewendet und veröffentlicht. Wir haben es geschafft, dafür Verbreitungsdaten für Pflanzen, Amphibien, Reptilien, Fische und Brutvögel mit einzubeziehen. Die so identifizierten Schlüsselgebiete – insgesamt sind es übrigens 85 – wurden anschließend sogar mit planungsrelevanten Daten und Informationen kombiniert. Das ist ein wesentlicher zusätzlicher Schritt, weil er die wichtige Grundlage bereitet, um ganz konkrete Kriterien für einen besseren Schutz und eine bessere Förderung dieser Gebiete zu entwickeln. Und etwas ganz Persönliches: das Projekt hat Forschende aus den Themengebieten „Biodiversitätsforschung“ und „Umweltbildung“, die zu verschiedenen Forschungsbereichen des Museums gehören, enger miteinander verbunden und zusammenarbeiten lassen und wird dies auch weiterhin tun. Das war und ist eine bereichernde Erfahrung, passt wunderbar zu unserer Philosophie und ist ein gelebtes Beispiel für das integrierte Forschungsmuseum.
Gibt es Natur in Berlin, die es ohne das Projekt „Vielfalt verstehen“ nicht gäbe?
Nun ja, nicht direkt. Jedoch hat das Projekt darauf abgezielt, naturnahe Gestaltung durch gezielte Maßnahmen zu unterstützen – in erster Linie in den Trittsteinbiotopen. Vor allem aber hat das Projekt dafür gesorgt, dass sich Menschen mit den Orten und Arten identifizieren und somit Verantwortung für diese übernehmen. Wir konnten beobachten, dass dieser Effekt zum Beispiel von Kindern in ihre Familien weitergetragen wurde. Es konnte bei einigen sicher ein nachhaltiger Einfluss auf die Sichtweise auf Natur erzielt werden und insbesondere auch auf die eigenen, spezifischen Handlungsmöglichkeiten zum Schutz der Natur.
Die Berlinerinnen und Berliner, die mitgemacht haben, waren das vor allem Schülerinnen und Schüler oder vor allem Erwachsene?
Wie vorhin schonmal kurz gestreift, haben über die Laufzeit des Projektes mehr als 3000 Berlinerinnen und Berliner aktiv teilgenommen, sei es in Bildungsprogrammen, bürgerwissenschaftlichen Aktivitäten, Workshops oder über Partnerschaften. Ein Schwerpunkt lag auf Schulen und Kitas, sodass viele Kinder und Jugendliche eingebunden waren. Gleichzeitig richteten sich viele Angebote aber auch bewusst an Erwachsene, wie zum Beispiel Frauentreffs und Kleingartenvereine. Es wurden auch Beteiligungsformate entwickelt und angewandt, um gesellschaftliche Gruppen anzusprechen, die bisher wenig Beachtung gefunden hatten oder von Umweltbildungsprogrammen kaum berücksichtigt worden waren. Mit dem Frauentreff Wattstraße wurden 2025 zum Beispiel mehrere inklusiv gestaltete Exkursionen mit Picknicken zu selbstgewählten Naturorten in Berlin durchgeführt. Gerade diese Mischung der Altersgruppen, Hintergründe und Kontexte war ein großer Gewinn für das Projekt – und somit auch für die Natur.
Hat das Projekt „Vielfalt verstehen“ etwas mit dem Zukunftsplan des Museums zu tun?
Ja, sehr deutlich. Das Projekt passt eng zum Selbstverständnis des Museums für Naturkunde, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und Forschung, Bildung und Partizipation miteinander zu verbinden. Es zeigt exemplarisch, wie das Museum seine Expertise und Verantwortung in die Stadt hineintragen kann. Für diese Vision ist der Zukunftsplan des Museums für Naturkunde Berlin die Grundlage. Als wesentlicher Bestandteil des Zukunftsplans sind interdisziplinäre Forschungscluster im Projekt Sammlungserschließung und -entwicklung als Initiative verankert worden. Das Projekt „Vielfalt Verstehen“ wäre ohne die Etablierung des Forschungsclusters NaturBerlin, also ohne den Zukunftsplan, in dieser Form sicher nicht zustande gekommen.
Die Finanzierung des Projektes ist ausgelaufen. Wie geht es jetzt weiter? Gibt es konkrete Pläne für die Zukunft?
Auch wenn die Projektförderung Ende 2025 ausgelaufen ist, wirken viele Strukturen weiter. Ein zentraler Baustein von „Vielfalt Verstehen“ war die Qualifikation von Multiplikator:innen, insbesondere Lehrer:innen, die in Workshops gezielt geschult wurden. Dadurch können Umweltbildungsangebote in den Partnerschulen des Projekts weiterhin fortgeführt werden. Zudem bilden die im Projekt entwickelten Konzepte eine Grundlage für neue Vorhaben und eine Ausweitung auf weitere Bezirke. Die Ansätze sind übertragbar und können auch für andere Städte richtungsweisend sein. Ziel ist es, die Ansätze langfristig zu verstetigen und in neue Projekte zu überführen. Uns treibt nach wie vor um, die Entwicklung von Modellen für eine nachhaltige, lebenswerte Stadt, in der Biodiversität, Gesundheit und Klimaanpassung zusammengedacht werden, zu unterstützen – und natürlich insbesondere auch deren Umsetzung in die Praxis. Wir sind an verschiedenen Stellen in Gesprächen mit potentiellen Förderinstitutionen und würden gerne auch in unterschiedlichen Konsortien Projektinhalte fortführen und weiterentwickeln.
Das Gespräch führte Dr. Andreas Kunkel, Wissenschaftlicher Referent im Stab der Generaldirektion.