
Stadtbrache als Lebensraum
von Katharina Kiekbusch, Museum für Naturkunde Berlin
Neben Gärten und anderen Grünflächen in der Stadt, bieten brachliegende Flächen einer Großzahl an Tieren und Pflanzen ein Zuhause. Brachen sind Flächen, die nicht bebaut oder anderweitig genutzt werden und die von der Natur zurückerobert werden. Das können beispielsweise alte Industriegebiete sein, aber auch andere leerstehende Flächen und verfallende Gebäude. Von Kräutern und Blumen über Bäume und Sträucher entsteht in relativ kurzer Zeit ein natürlicher Lebensraum, der Tiere anlockt. Stadtbrachen sind für sie ein wichtiger Teil der Stadtnatur, da sie ein natürliches Rückzugsgebiet bieten und in der Regel nicht von Menschen gestört werden.
Brachflächen sind Habitate für Wildbienen
Wildbienen finden dort den ganzen Sommer über Nektar und Pollen sowie gute Nistmöglichkeiten durch die Vielfalt, die dort herrscht. Ein typisches Beispiel für eine Wildbiene, die in Brachflächen vorkommt, ist die Zottelbiene. Sie ist auf Ruderalstellen (Brachen) spezialisiert und bevorzugt sandige Böden für ihren Nestbau. Pollen sammelt sie ausschließlich aus Korbblütlern, zum Beispiel Kleines Bitterkraut. Die Kanadische Goldrute zählt ebenfalls zu den Korbblütlern und ist auf Brachflächen weit verbreitet. Ursprünglich stammt sie aus Nordamerika, ist mittlerweile aber auch hier heimisch. Die Besonderheit an brachliegenden Flächen: oftmals wachsen dort eingewanderte Pflanzen, die bei uns nur in Städten vorkommen.

Brachflächen fördern Pflanzen- und Bestäubervielfalt
Eine andere typische Pflanze, die das Bild einer Brache prägt, ist der Blaue Natternkopf. Er wird von Bienen, Schwebfliegen und Faltern bestäubt. Besonders bei Schmetterlingen ist er beliebt; es wurden über 40 Schmetterlingsarten gefunden, darunter der Schwalbenschwanz und der Distelfalter. Der Blaue Natternkopf dient aber nicht nur als Nektarquelle, sondern auch als Nahrung für die Raupen des Distelfalters.

Insektenvielfalt fördert Vogelvielfalt
Durch die vielen Insekten gibt es auch für Vögel genügend Nahrung. Der Neuntöter beispielsweise ist ein solcher. Er baut seine Nester in hohen Dornensträuchern, auf deren Dornen er seine Beute (Insekten und kleine Wirbeltiere) aufspießt. Strukturreiche Heckenlandschaften bieten ihm den Lebensraum, den er braucht.

Freiflächen müssen vor Bebauung geschützt werden
Mit steigender Bevölkerungsdichte wächst die Nachfrage nach Wohnraum. Daher wird jeder Platz genutzt, um diesem Problem entgegenzuwirken. Freiflächen weichen Neubauten, Böden werden versiegelt – doch was passiert dabei mit der Natur?
Plötzlich ist der Lebensraum von vielen Tieren und Pflanzen gefährdet und sie werden immer weiter eingeschränkt. Stadtbrachen bieten potenzielle Möglichkeiten für mehr Wohnraum. Anders als Parks sind sie „wild“ und in den Augen mancher Bürger störend, dabei sind sie ebenso wichtig als Lebensraum für viele Tiere und für das Klima wie andere, geplante Grünflächen. Sie leisten ihren Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels und verbessern das Stadtklima, wie bewusst platziertes Grün.
Je mehr davon zubetoniert wird, desto mehr Tiere verschwinden und besonders vorgefährdete Arten rutschen auf der Liste der Bedrohten Tiere immer weiter nach oben. Denn paradoxerweise flüchten einige Tierarten vom Land in die Stadt, da sie hier ein größeres Nahrungsangebot finden, das auf dem Land durch verschiedenste Aspekte nicht mehr vorhanden ist. Wenn sie hier auch ihre Grundlagen verlieren, gehen die Bestände zurück.
Deshalb ist es wichtig, den Stadtbrachen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und diesen besonderen Lebensraum zu schützen, der sich in aller Stille und Heimlichkeit oft außerhalb unseres Bewusstseins entwickelt hat.
Natur vor der Haustür entdecken
Wie leben Tiere und Pflanzen in der Stadt – und was können wir selbst zum Schutz der Biodiversität beitragen? Unsere Beiträge zur Stadtnatur zeigen, welche Arten direkt um uns herum leben und wie sich Natur in der Stadt verändert.
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Quellen
- Bund Naturschutz in Bayern e.V., Stadtbrache – die kleine Wildnis in der Stadt (Abgerufen: 29. Juni 2022)
- Seite „Ruderalfläche“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. Januar 2022, 08:34 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ruderalfl%C3%A4che&oldid=219557563 (Abgerufen: 30. Juni 2022, 11:29 UTC)
- Bundesamt für Naturschutz, Stadtbrachen als Chance, URL: https://www.bfn.de/sites/default/files/BfN/planung/siedlung/Dokumente/stadtbrachen_broschuere.pdf (Abgerufen: 29. Juni 2022)
- Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland Landesverband Niedersachsen e.V., Lebensräume von Wildbienen, URL: https://www.bund-niedersachsen.de/fileadmin/niedersachsen/publikationen/wildbienen/BUND_Wildbienen_und_ihre_Lebensraeume_in_Niedersachsen.pdf (Abgerufen: 29. Juni 2022)
- NABU, Neuntöter, URL: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/vogel-des-jahres/1985-neuntoeter/index.html (Abgerufen: 29. Juni 2022)
- NABU, Gewöhnlicher Natternkopf, URL: https://nrw.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/zeit-der-schmetterlinge/wissen/schmetterlingspflanzen/22755.html (Abgerufen: 30. Juni 2022)
Bildquellen
- Bild 1: Markus, Staven, CC-BY-SA-4.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flaschenhalspark,_urban_nature,_Germany_(Deutschland),_10965,_Berlin,_20190530,_160711.jpg
- Bild 2: James K. Lindsey, CC-BY-SA-2.5 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Panurgus.calcaratus.-.lindsey.jpg
- Bild 3: Joanna Boisse, CC-BY-SA-4.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Atlas_roslin_pl_Naw%C5%82o%C4%87_kanadyjska_1889_7982.jpg
- Bild 4: Donald Hobern, CC-BY-2.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Echium_vulgare_(8738730663).jpg
- Bild 5: Dieter Wermbter, CC-BY-SA-4.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Distelfalter,_Naturpark_Bergisches_Land.jpg
- Bild 6: Kaeptn Chemnitz, CC-BY-SA-4.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Neunt%C3%B6ter.jpg