Stadttauben - unterschätzte Mitbewohner

von Susan Scheyda, Museum für Naturkunde Berlin

Geht es um Tiere in der Stadt, finden Tauben nur selten wertschätzende Erwähnung, obwohl oder vielleicht gerade weil sie so präsent sind. Der schlechte Ruf der Tauben rückt das eigentliche Wesen dieser intelligenten, sozialen und sehr anpassungsfähigen Vögel in den Hintergrund.

Bild 1: Taubenpaare gehen eine lebenslange Bindung ein.

Tauben in der Stadt

Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern verwilderte Haustiere. Sie sind Nachkommen von Haus-, Hochzeits- und Brieftauben, die ausgesetzt wurden oder sich während der Strapazen eines Wettfluges verirrt haben. Daher suchen die domestizierten Tiere die Nähe zu uns Menschen. Für die Nischenbrüter sind städtische Ballungsräume inzwischen zur neuen Heimat geworden, da sie nie einen natürlichen Lebensraum hatten.

Bild 2: Tauben haben eine durchaus variantenreiche Farbgebung, da sie von Haus-, Hochzeits- und Brieftauben abstammen.

Doch die Städte bergen auch viele Gefahren: Beispielsweise wird den Tauben das tierschutzwidrige Anbringen von Netzen und Spikes zur Störung ihrer Ruhe- und Nistplätze oft zum Verhängnis – viele Tauben sterben an diesen Maßnahmen.
Anders als bei Wildvögeln haben Jahreszeiten, Nahrungsknappheit und Populationsdichte keinen Einfluss auf die Fortpflanzung der Stadttauben, die durch Züchtung dazu gezwungen sind, das ganze Jahr über Eier zu legen. Fehlende Nistmöglichkeiten führen daher zu Stress und zu Legenot, was bedeutet, dass die Taube ihre Eier nicht ablegen kann und sich Entzündungen im Legedarm bilden. Zum artgerechten Speiseplan der Tauben zählen Sämereien, Hülsenfrüchte und verschiedene Getreidesorten – ein Nahrungsspektrum, das in den Städten nicht anzutreffen ist. Um sich und ihre Jungtiere zu versorgen, sind sie auf Essensreste oder die gezielte Fütterung mit artgerechtem Futter angewiesen. Das Fehlen von artgerechtem Futter hat zur Folge, dass die Tiere erkranken, ihr Kot unansehnlich wird oder sie und ihre Küken verhungern. Außerdem müssen sie auf der Suche nach Essbarem kilometerweite Strecken zu Fuß zurücklegen, um den Boden nach Krümeln abzusuchen. Durch herumliegenden Müll wie Fäden, Zahnseide und lose Haare, die sich dabei um die Zehen wickeln, kommt es sehr häufig zu Abschnürungen und dadurch zu Verstümmelungen der Füße.

Bild 3: In Berlin ist das Füttern der hungrigen Tauben zum Glück nicht verboten. (© Susan Scheyda)
Bild 4: Eine Taube trinkt aus einem Brunnen.

Fehlannahmen über die vermeintliche Schädlichkeit von Ausscheidungen und die Übertragung von Krankheiten haben jahrelang zu einem negativen Ruf der Stadttauben beigetragen. Laut einer Studie der Technischen Universität Darmstadt liegt der durchschnittliche pH-Wert von Taubenkot im neutralen Bereich und greift somit keine Oberflächen an. Ebenso wurde eine akute Gefahr der Krankheitsübertragung durch Tauben vom Robert-Koch-Institut widerlegt.
Unter guten Bedingungen können die Tiere ein Alter von über 20 Jahren erreichen. In der Stadt lebende Tauben hingegen werden höchstens zwei bis drei Jahre alt.

Bild 5: Es gibt keinen Grund, sich vor den friedlichen Tieren zu fürchten.

Wie kann geholfen werden?

Als tierschutzgerechte Lösung haben sich betreute Taubenschläge bewährt, die ihnen Schutz bieten. Dort werden die Tauben artgerecht ernährt, medizinisch versorgt und zur Populationskontrolle die Eier regelmäßig gegen Attrappen getauscht, die von den Tauben bebrütet werden bis sie das Gelege aufgeben. Beispielhaft ist hier die Stadt Augsburg zu nennen, die innerhalb der Stadt an vielen Standorten mit dichten Taubenpopulationen betreute Taubenschläge und -türme aufgestellt hat. In Berlin gibt es bisher nur sehr wenige vergleichbare Projekte. Sie sind auf jede Unterstützung angewiesen, denn der Großteil der Taubenschutzarbeit lastet auf den Schultern von ehrenamtlich engagierten Personen und Vereinen, die sich dem menschengemachten Tierschutzproblem annehmen. Schätzungen zufolge werden in Berlin um die 50 Taubenhäuser benötigt, damit die Tiere von der Straße geholt werden können und ihr Leid minimiert wird. Standortvorschläge für einen solchen Taubenschlag können an den Senat gerichtet werden. Bei eingesperrten Tieren hinter Netzen oder in Dachstühlen können das Veterinäramt oder die Feuerwehr kontaktiert werden. Des Weiteren gilt: Eine Taube, die am Boden sitzt und bei Annäherung nicht wegfliegt, benötigt Hilfe. Bereits ein beherztes Zupacken und ein Stoffbeutel für den Transport reichen aus, um geschwächte Tauben vor Fressfeinden, Autos und anderen Gefahren zu schützen. Im nächsten Schritt sollte sich an Tierschutz- oder Stadttaubenvereine gewendet werden, die oft in sozialen Netzwerken vertreten sind. Über diesen Erstkontakt kommen die gefiederten Patienten entweder in eine private Pflegestelle oder zu vogelkundigen Tierärzt*innen.

Bild 6: Tauben können sehr gut und schnell fliegen.

Quellen und weiterführende Literatur

Bildangaben

DOI: https://doi.org/10.7479/ws8v-z270/1