
Wundersame Weichtiere
von Madeleine Dontschev, Museum für Naturkunde Berlin
Welches Tier hat tausende Zähne, kein Skelett und nur einen Fuß? Welches Tier kann sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane in sich tragen und schafft es, sich unverletzt über scharfe Messerkanten zu bewegen? Richtig, eine Schnecke! Oft werden Schnecken als schleimig, langweilig oder gar lästig abgestempelt. Dabei sind diese wundersamen Weichtiere faszinierende Überlebenskünstlerinnen!

Anpassungskünstlerinnen
Schnecken (lat. Gastropoda) gehören zu den Weichtieren (lat. Mollusca). Aufgrund ihrer hohen Anpassungsfähigkeit besiedeln sie die unterschiedlichsten Lebensräume. Als einzige Weichtiere haben sie die Entwicklung zu einem Leben an Land vollzogen. Auch in städtischen Bereichen sind Schnecken keine Seltenheit. Meist sind unterschiedliche Arten auf ihren Lebensraum spezialisiert. Diese spezialisierte Anpassung ist wichtig, da Schnecken, wie allgemein bekannt ist, nicht zu den schnellsten Tieren gehören und somit an einen vergleichsweise kleinen Lebensraum gebunden sind.

Geschützt durch Schleim …
Wie alle Weichtiere besitzen Schnecken kein Skelett. Sie bestehen aus einem Weichkörper, der nicht eindeutig in verschiedene Körperteile unterteilt werden kann. Es gibt zwar einen Kopf, doch wo dieser aufhört und wo der „Rest“ der Schnecke, der sogenannte Fuß, beginnt, kann nicht eindeutig festgelegt werden. Aus diesem Grund wird der gesamte Weichkörper als Kopffuß bezeichnet. Er ist zum Schutz vor Austrocknung von einer Schleimschicht umgeben. Diese Schicht wirkt wasseranziehend, da sie sogenannte Mykoproteine enthält, die unter Wassereinwirkung aufquellen und das Wasser binden. Wer also versuchen würde, den Schleim einer Schnecke mit Wasser abzuwaschen, würde daran scheitern.
Der Schneckenschleim erfüllt noch weitere wichtige Aufgaben: Bei Bedrohung kann er mit Luftblasen aufgeschäumt werden, was dazu führt, dass kleinere Feinde, wie z.B. Ameisen, darin kleben bleiben. Auch für die Fortbewegung ist der Schleim von fundamentaler Bedeutung. Er reduziert die Reibung und schützt vor Verletzungen durch scharfe Oberflächen. Außerdem hilft er der Schnecke, sich am Untergrund festzusaugen, sodass sie auch vertikal und kopfüber kriechen kann.

… und Schale
Schnecken fühlen sich nicht nur in vielen verschiedenen Lebensräumen zuhause. Die meisten von ihnen tragen ihr eigenes "Haus" sogar permanent mit sich herum und werden daher Gehäuseschnecken genannt. Ihr "Schneckenhaus" wird als Schale bezeichnet und ist in der Regel asymmetrisch zu einer Seite gewunden. Anhand dieser Eigenschaft können verschiedene Arten gut voneinander abgegrenzt werden. In ihrer Schale unter Laub oder sogar in den oberen Bodenschichten versteckt, können Gehäuseschnecken auch längere Trockenperioden und den Winter überdauern. Sie sind in der Lage, ihre Schalen zu reparieren, da diese hauptsächlich aus Kalkmineralien bestehen, welche über den Weichkörper aus dem Untergrund herausgelöst und aufgenommen werden. Manche Schnecken nagen sogar an ihren Artgenossen, um an deren Kalk zu kommen!

Nützlich für die Forschung und wichtig für das Ökosystem
Als sogenannte Bioindikatoren liefern Schnecken der Forschung Einblicke in die ökologischen Belastungen ihrer unmittelbaren Umgebung. Schnecken verfügen über die Fähigkeit, über ihre Nahrung und den Kontakt mit dem Untergrund Schwermetalle wie z.B. Kupfer, Eisen oder Calcium aufzunehmen und in ihrem Körper zu binden. Schwermetallbelastungen entstehen oft durch den Menschen und können verheerende Auswirkungen auf Ökosysteme haben, da sie auf viele Organismen toxisch wirken. Durch die Beprobung von Schnecken in einem Lebensraum kann ermittelt werden, ob und welche Schwermetalle vorhanden sind.
Schnecken sind also durchaus nützliche Forschungsassistentinnen. Das ist allerdings nur ihr "Nebenjob". Hauptsächlich spielen sie als Zersetzer (Destruenten) eine wichtige Rolle im Ökosystem. Mit ihrer Raspelzunge, der sogenannten Radula, die mit tausenden kleinen Zähnchen besetzt ist zersetzen sie z.B. tote Pflanzenteile. Sie ernähren sich aber auch von lebenden Pflanzenteilen, Flechten und Pilzen. Gleichzeitig dienen sie selbst vielen anderen Organismen wie Vögeln und Säugetieren als Nahrungsquelle. Diese oft unscheinbaren und unterschätzten Funktionen machen die wundersamen Weichtiere zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihrer Ökosysteme.

Schnecken in der Stadt entdecken
Wer nun neugierig geworden ist und Schnecken in ihrer natürlichen Umgebung beobachten möchte, kann dies auch in der Stadt tun! Dort gibt es eine Vielzahl von Lebensräumen, vom Stadtpark über die Kleingartenanlage bis hin zu Brachflächen, Kellern und Mauern, in denen Schnecken entdeckt werden können. Da sich Schnecken konstant vor dem Austrocknen schützen müssen, sind sie oft nachts, am frühen Morgen oder späten Abend und insbesondere nach Regenfällen zu beobachten. Viele Arten vermehren sich während der warmen Monate, weshalb im Herbst besonders viele Individuen anzutreffen sind. An heißen Tagen im Sommer sowie über die Wintermonate ziehen sich die meisten Arten in ihr Gehäuse zurück und verbringen längere Ruhephasen versteckt unter Steinen, Laub oder auch in den oberen Bodenschichten eingegraben.
Wer eine Schnecke entdeckt hat, kann sie über die Merkmalsauswahl der Naturblick-App bestimmen und so Spannendes über die in Deutschland vorkommenden Arten erfahren. Viel Spaß beim Entdecken und Bestimmen!

Quellen und weiterführende Literatur
- Wiese, V. (2014) Die Landschnecken Deutschlands. Finden – Erkennen – Bestimmen, Wiebelsheim: Quelle & Meyer Verlag.
- Kerney, M. P., Cameron, R. A. D. & Jungbluth, J. H. (1983) Die Landschnecken Nord- und Mitteleuropas. Ein Bestimmungsbuch für Biologen und Naturfreunde, Hamburg und Berlin: Verlag Paul Parey.
- Nordsieck, M.,Brugsch, M. (2012): Einheimische Schnecken. In der Natur, im Garten und zu Hause: Natur und Tier- Verlag GmbH
- Triebskorn, R. (2009): Schnecken unter Stress. Gastropoden als Modelle in Ökophysiologie und Ökotoxikologie, Umweltwiss. Schadst Forsch (2009) 21:140–149: Springer Verlag, DOI: 10.1007/s12302-009-0042-8
- Der Bierschnegel - Limacus flavus – Weichtier des Jahres 2023, Herausgeber: Kuratorium „Weichtier des Jahres“, Text 2023: Vollrath Wiese, Bernhard Hausdorf, Heike Reise, Anette Rosenbauer, URL: http://www.dmg.mollusca.de/images/download/weichtier-des-jahres/weichtier_2023_limacus-flavus_web.pdf (Abgerufen: 06.07.2023)
- Die Deutsche Malakozoologische Gesellschaft, URL: http://www.dmg.mollusca.de/index.php/home/ueber-die-dmg (Abgerufen: 06.07.2023)
- Datenportal "Mollusken Deutschlands", URL: https://mollusken.rotelistezentrum.de/ (Abgerufen: 06.07.2023)
- Hackenberg, E. & Müller, R. (2017) Rote Liste und Gesamtartenliste der Weichtiere (Mollusca: Gastropoda und Bivalvia) von Berlin. In: Der Landesbeauftragte für Naturschutz und
- Landschaftspflege/Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (Hrsg.) Rote Listen der gefährdeten Pflanzen, Pilze und Tiere von Berlin, URL: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-5845 (Abgerufen: 06.07.2023)
Bildquellen
- Bild 1: Die Weichtiere Deutschlands: eine biologische Darstellung der einheimischen Schnecken und Muscheln - eine historische Darstellung aus dem Jahre 1909, Autor Geyer, D, Publisher: Stuttgart: Strecker & Schröder, Beitragende Bibliothek: Smithsonian Libraries, public domain
- Bild 2: Angus Davison, CC BY-SA 4.0
- Bild 3: a. pxfuel b. Xauxa Håkan Svensson, CC BY-SA 3.0
- Bild 4. a. H. Zell, CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 c. H. Zell, CC BY-SA 3.0 d. H. Zell, CC BY-SA 3.0 e. Didier Descouens, Muséum de Toulouse, CC BY-SA 3.0 f. H. Zell, CC BY-SA 3.0
- Bild 5: a. James Lindsey at Ecology of Commanster, CC BY-SA 2.5 b. AfroBrazilian, CC BY-SA 3.0
- Bild 6: CC0 Public Domain, CC0 1.0