Collage aus zwölf Videoporträts von Personen in einer Online-Konferenz, angeordnet in drei Reihen auf schwarzem Hintergrund. Die Teilnehmenden schauen in die Kamera.
Foto: Linda Gallé

Engaging with an international team made a new interpretation of the objects possible.

Dr. Abdelmoniem Mohammed Abdelmoniem Mohammed Gomaa

Co-Kurator

Neue Perspektiven auf naturkundliche Sammlungen

Mit den Öffentlichen Sammlungen Säugetierschädel sowie Hirsche und Hornträger erschloss das Museum erstmals bislang nicht öffentlich zugängliche Sammlungssäle als Teil seines Museumsprogramms.

Beide Säle folgen dem Konzept der Öffentlichen Sammlung: Sie sind hybride Räume, die zugleich der wissenschaftlichen Arbeit und dem Austausch mit der Gesellschaft dienen. Das Ausstellungsteam arbeitete bewusst mit der Sammlung in ihrem gewachsenen Zustand – mit ihrer wissenschaftlichen Ordnung, den historischen Beschriftungen und teilweise auch dem originalen Mobiliar. Ziel war es nicht, die Sammlung neu zu inszenieren, sondern ihre Struktur, Geschichte und Funktion für Besuchende nachvollziehbar zu machen.

Im Sinne eines offenen, integrierten Forschungsmuseums entwickelte das Museum die Konzeption beider Säle partizipativ. Besuchende und externe Partner:innen waren aktiv in den Entwicklungsprozess eingebunden.

Die Sammlungsgeschichte spielte dabei eine zentrale Rolle: Rund 70 bis 80 Prozent der Objekte gelangten während der deutschen Kolonialzeit über koloniale Netzwerke in die Sammlung. Diese Geschichte spiegelt sich bis heute unter anderem in den historischen Beschriftungen vieler Objekte wider.

Vor diesem Hintergrund wurde ein Co-Kurationsprozess mit internationalen Partner:innen zu einem wesentlichen Bestandteil der Ausstellungskonzeption. Über einen offenen Aufruf sowie das Netzwerk von TheMuseumsLab gewann das Museum neun Co-Kurator:innen aus afrikanischen Ländern – darunter Tansania, Namibia, Kamerun und Ägypten. Gemeinsam mit dem Ausstellungsteam entwickelten sie neue Perspektiven auf die Sammlungsbestände und erweiterten die Ausstellung um Sichtweisen aus den Herkunftsregionen der Objekte.

Das Projekt knüpft an die Ausstellungsentwicklung von ZUGvögel – Eine Sammlung in Bewegung an, an der mehr als 350 Menschen beteiligt waren. Ihre Fragen zu Provenienz und Herkunft der Objekte greift die Sonderausstellung in einem eigenen Themencluster auf.

 

Many of these stories have not been told yet. This project is an opportunity to bring them to light.

Dr. Richard Tsogang Fossi

Co-Kurator

Colonisation was a form of power exercised not only over local populations but also over nature. In the past, trophy hunting was used as a means of exerting this power. Displaying these collections in museums was seen as a symbol of success and status.

Dr. Emma Haitengi

Co-Kuratorin

Die Co-Kurator:innen

Dr. Abdelmoniem Mohammed Abdelmoniem Mohammed Gomaa

Assistenzprofessor und Forscher mit Fokus auf Restaurierung und Konservierung an der Fakultät für Archäologie der Fayoum-Universität in Ägypten

Dr. Richard Tsogang Fossi

Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin (TU). 
Forschungsprojekt: Umgekehrte Sammlungsgeschichte. Kunst und Kultur aus Kamerun in deutschen Museen

Dr. Emma Haitengi

Dozentin an der Universität von Namibia mit den Schwerpunkten Archäologie und Cultural Heritage Management, ehemalige Kuratorin für Archäologie am Nationalmuseum von Namibia

Martha Imakando

Museumskuratorin im Livingstone Museum in Sambia, Vorstandsmitglied ICOM NATHIST

Anthony Sirya Kalume „BeKuto waSirya“

Gastdozent an der University of Brighton, assoziierter Kurator am Ditchling Museum, MLab Alumnus

Dr. James Benedict Kuboja

Dozent an der Universität Dar Es Salaam in Tansania, Fachgebiet Umweltgeschichte

Melissa Kurkut

Kulturvermittlerin, Kuratorin, Mitbegründerin des Milele Museums, MLab Alumna

Bruce Niyonkuru „Canda“

Multidisziplinärer Künstler, Mitbegründer und Kreativdirektor des Milele Museums

Dr. Messan Tossa

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Staatsarchiv Togo, Honorardozent der Germanistik an der Université de Lomé

 

We can't go back in time, but ... Most people know what their ancestors believed. We should return to the places where these objects originate and ask the locals about their views.

Martha Imakando

Co-Kuratorin

Ich wünschte, wir hätten mehr Co-Kurator:innen. Menschen aus den Gemeinden, wo die Tiere herkommen.

Anthony Sirya Kalume "BeKuto waSirya"

Co-Kurator

90 % of Africa's heritage are currently outside the continent. This means that millions of people may never have the opportunity to engage with their history, or even to see or talk about it. This is harmful because it means losing a very important part of your cultural identity and history. As cultural workers, we should do anything possible to make sure that these stories get told to share more awareness on this issue.

Melissa Kurkut

Co-Kuratorin

It is very important to bring history into these collections. Only then can people understand that an object is more than just a lion's skull. Behind them lie complex aspects that continue to cause political problems in the countries of origin to this day.

Dr. James Benedict Kuboja

Co-Kurator

Forschungssammlung „Säugetierschädel“

Themen und Objekte

Gemeinsam entwickelten die Beteiligten verschiedene thematische Komplexe, die jeweils ein konkretes Sammlungsobjekt in den Mittelpunkt stellen. Jedes dieser Objekte wird in einem der „Fenster„ innerhalb der Sammlungsvitrinen präsentiert. Zu jedem dort gezeigten Objekt erzählen zwei eigenständige Geschichten, die unabhängig voneinander funktionieren. Insgesamt umfasst der Saal „Säugetierschädel„ 19 Fenster. 

Die einzelnen Erzählungen folgen keiner chronologischen Ordnung. Stattdessen bildet stets das jeweilige Objekt den Ausgangspunkt, von dem aus unterschiedliche Kontexte, Bedeutungen und Perspektiven sichtbar werden. So stehen – ganz bewusst nebeneinander – Geschichten über Tierarten und ihre Eigenschaften, historisch-kritische Einordnungen ihrer Beschaffung sowie kulturelle Bedeutungen in den Herkunftsregionen.

Häufig steht dabei eine einfache Frage am Anfang: „Was ist das?„ Von jedem Objekt oder jeder Tierart aus entfalten sich vielfältige Antworten, die zu ganz unterschiedlichen Geschichten führen. Damit folgt die Ausstellung der Idee, dass naturkundliche Sammlungen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können – und betrachtet werden sollten.

Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der kritischen Auseinandersetzung mit den Sammlungsobjekten und den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Die Ausstellung macht die kolonialen Verflechtungen von Sammeln, Forschen und Wissensproduktion sichtbar. Ebenso thematisiert sie den Einfluss anderer politischer Systeme – etwa der NS-Ideologie – auf Forschung und wissenschaftliche Praxis. Diese Perspektiven setzen bewusst einen Kontrapunkt zur lange vorherrschenden Annahme, naturkundliche Forschungssammlungen seien „neutral„.

Darüber hinaus rückt die Ausstellung alternative, insbesondere kulturelle, spirituelle und alltagsbezogene Bedeutungen der Tierarten und tierischen Materialien in ihren Herkunftsregionen in den Vordergrund – ein Schwerpunkt der gemeinsam mit den Co-Kurator:innen entwickelten Inhalte.

 

I believe that the history of our continent has not been written from the perspective of our community. Now is the time to bring these stories to light so that people can hear them.

Bruce Niyonkuru "Canda"

Co-Kurator

First and foremost, I would like to point out that the aftermath of colonialism will never come to an end until the descendants of the victims and the perpetrators can agree on how to ethically evaluate the events of that time and how we can build a constructive future from this past.

Dr. Messan Tossa

Co-Kurator