
Mikropaläontologie
Über 100.000 mikroskopische Fossilien aus Tiefsee-Sedimenten – zentrale Datenbasis für Klima- und Evolutionsforschung
Überblick
Die Teilsammlung Mikropaläontologie des Museums für Naturkunde zählt zu den weltweit bedeutenden Sammlungen mariner Mikrofossilien. Sie umfasst weit über 100.000 Sammlungseinheiten sowie mehr als 2.000 Holotypen.
Die Bestände gliedern sich in drei zentrale Bereiche:
- Tiefsee-Sammlung – mit Radiolarien, Diatomeen, Silicoflagellaten, Coccolithophoriden, Foraminiferen sowie palynologischen Präparaten aus marinen Sedimenten weltweit. Sie bildet den größten Teil dieser Sammlung und hat einen Schwerpunkt auf marinen biosilikatischen Mikrofossilien.
- Ehrenberg-Sammlung – eine der ältesten und bedeutendsten mikropaläontologischen Bestände weltweit mit tausenden Präparaten, Zeichnungen und Proben sowie umfangreichen Typusbeständen
- Ostrakoden- und kleinere Sammlungen – mehrere tausend Proben fossiler Ostrakoden sowie kleinere Bestände zu Foraminiferen und Dinoflagellaten
Die Teilsammlung enthält Material aus allen Kontinenten und deckt insbesondere das Känozoikum, aber auch ältere erdgeschichtliche Zeiträume ab.
Zugang
Die mikropaläontologische Sammlung ist bis auf Weiteres nicht zugänglich. Aus diesem Grund können Leih- und Fotoanfragen sowie Besuche der Teilsammlung derzeit nicht organisiert werden
Ein Großteil der Sammlung – insbesondere neuere Bestände wie die Lamont-Sammlung – ist bislang nur teilweise konservatorisch erschlossen und digital erfasst.
- Teile der Sammlung sind in internen Datenbanken dokumentiert (zum Beispiel Access-Datenbanken, Karteisysteme).
- Spezielle Bestände, etwa die Ehrenberg-Sammlung, verfügen über eigene digitale Zugänge und umfangreiche Online-Ressourcen.
Geschichte
Die Teilsammlung vereint historische und moderne Bestände aus über zwei Jahrhunderten Forschung.
Die Ehrenberg-Sammlung geht auf Christian Gottfried Ehrenberg (1795–1876) zurück. Er begründete im 19. Jahrhundert die systematische Erforschung mikroskopischer Organismen und beschrieb tausende Arten. Seine Sammlung umfasst unter anderem Materialien aus der Forschung von Charles Darwin sowie weltweite Proben aus wissenschaftlichen Netzwerken seiner Zeit.
Die moderne Tiefsee-Sammlung wurde in den vergangenen Jahrzehnten gezielt erweitert:
- durch internationale Forschungsprogramme wie Tiefsee-Bohrungen (DSDP, ODP, IODP),
- durch Übernahmen bedeutender Sammlungen (z. B. Lamont-Sammlung 2021)
- sowie durch Schenkungen und Forschungskooperationen.
Die Lamont-Sammlung dokumentiert unter anderem Material aus Studien zum quartären Klimawandel, die zur Bestätigung der Milanković-Zyklen beitrugen und die moderne Paläoklimaforschung maßgeblich prägten.
Weitere Bestände – etwa die Ostrakoden-Sammlung – entstanden im Kontext regionaler geologischer Forschung, insbesondere in der DDR.
Forschung
Die mikropaläontologische Sammlung bildet eine zentrale Grundlage für die Erforschung von Klima, Ozeanen und Evolution über geologische Zeiträume hinweg.
Zentrale Forschungsfelder sind:
- Paläoklimaforschung (zum Beispiel Rekonstruktion von Eiszeiten und Klimadynamiken)
- Paläoozeanografie (Entwicklung mariner Ökosysteme)
- Biostratigrafie und Altersdatierung von Sedimenten
- Taxonomie und Evolution mikroskopischer Organismen
Besonders die Tiefsee-Sammlung ermöglicht hochauflösende Analysen globaler Umweltveränderungen. Die Ehrenberg-Sammlung dient bis heute als Referenz für die Neubeschreibung von Arten und die Stabilisierung taxonomischer Namen.
Als Teil internationaler Forschungsnetzwerke – etwa der Microfossil Reference Center (MRC) – trägt das Museum aktiv zur globalen Infrastruktur der Mikropaläontologie bei.