Person hält ein Glas mit in Alkohol konserviertem Embryo vor Regalen der embryologischen Teilsammlung im Museum für Naturkunde Berlin

Teilsammlung

Embryologische Sammlung

Die Embryologische Sammlung vereint seltene Wirbeltierembryonen, histologische Präparate und wissenschaftliche Archive von internationalem Rang. Sie schafft die Grundlage für Forschung zur Evolution, Entwicklung und Vielfalt der Wirbeltiere.

Überblick

Die Embryologische Sammlung gehört zu den weltweit größten und taxonomisch vielfältigsten Sammlungen der vergleichenden Embryologie. Ihr Schwerpunkt liegt auf Wirbeltieren. Besonders umfangreich vertreten sind höhere Säugetiere, darunter Wale und Primaten, sowie Kloakentiere (Monotremata) und Beuteltiere (Marsupialia). Viele dieser historischen Präparate könnten heute nicht mehr gesammelt werden. Ergänzt werden die Bestände durch Fische, Amphibien und Reptilien.

Die Teilsammlung umfasst Entwicklungsstadien von rund 600 Wirbeltierarten in etwa 3.000 Gläsern der Nass-Sammlung sowie rund 290.000 histologische Präparate, darunter etwa 80.000 Schnitte von Wirbeltierembryonen und Reproduktionsorganen. Zu den wissenschaftlich besonders wertvollen Beständen gehören unter anderem Embryonen von Walen, Primaten, Kloakentieren und Beuteltieren sowie seltene Präparate eines Erdferkels und des ausgestorbenen Beutelwolfs.

Zur Teilsammlung gehört außerdem eine spezialisierte Bibliothek mit historischer und aktueller Fachliteratur sowie umfangreichen Archivbeständen zur Embryologie der Wirbeltiere. Besonders häufig genutzt werden die historischen Normentafeln aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Zugang

Der Zugang zur Teilsammlung ist für wissenschaftliche Zwecke nach vorheriger Absprache mit der wissenschaftlichen Sammlungsleitung möglich.

Die Sammlungsdaten werden kontinuierlich digital erschlossen. Digitale Bilddaten aus Computertomographie und Oberflächenscans stehen im Open Access zur Verfügung und sind mit den zugehörigen wissenschaftlichen Publikationen verknüpft. Dadurch lassen sich viele Fragestellungen zerstörungsfrei bearbeiten.

Kontakt

Geschichte

Den Grundstein der Teilsammlung legte Ende des 19. Jahrhunderts der niederländische Embryologe Ambrosius Hubrecht (1853–1915). Durch zahlreiche wissenschaftliche Nachlässe und Sammlungen entwickelte sie sich rasch zu einer der bedeutendsten embryologischen Sammlungen weltweit. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Arbeiten von James P. Hill (1873–1954) und Theodore T. Flynn (1883–1968) zu australischen Säugetieren, Carl A. Dohrn (1806–1892) zu Fischen, Emil Selenka (1842–1902) zu Primaten, Willy Kükenthal (1861–1922) zu Walen sowie Louis Bolk (1866–1930) zu Wirbeltieren.

Von herausragender wissenschaftshistorischer Bedeutung sind außerdem die experimentellen Präparate von Hilde Mangold (1898–1924), Hans Spemann (1869–1941) und Hans Grüneberg (1907–1982). Die histologischen Präparate und Originalaufzeichnungen zu den Experimenten, die zur Entdeckung des Organisator-Effekts der Embryonalentwicklung und zum Nobelpreis für Hans Spemann im Jahr 1935 führten, werden bis heute in der Teilsammlung aufbewahrt.

Neben den zoologischen Präparaten dokumentieren historische Kataloge, Korrespondenzen und Archivmaterialien die Entstehung der Sammlung und die Entwicklung der embryologischen Forschung. Besonders bemerkenswert sind die reich illustrierten Originalkataloge der Hubrecht-Sammlung mit detaillierten Bleistiftzeichnungen der untersuchten Embryonen.

Forschung

Forschende aus Europa, Nordamerika und Australien nutzen die Teilsammlung regelmäßig. Sie bildet eine wichtige Grundlage für morphologische, evolutionsbiologische und entwicklungsbiologische Fragestellungen.

Am Museum für Naturkunde Berlin untersucht die Arbeitsgruppe Embryologie unter anderem die Evolution der Wirbeltiere. Dabei kombinieren wir Fossilien, Embryonalentwicklung, Morphologie rezenter Arten und genetische Daten miteinander. Aktuelle Forschungsprojekte beschäftigen sich beispielsweise mit der Evolution regenerierender Gliedmaßen bei Salamandern sowie mit der frühen Evolution der Synapsiden und den Auswirkungen des Massenaussterbens an der Perm-Trias-Grenze auf terrestrische Ökosysteme.

Auch die historischen Präparate besitzen bis heute einen hohen wissenschaftlichen Wert. So dokumentiert etwa ein Präparat eines australischen Kurzschnabeligels mit Ei in der Bruttasche eindrucksvoll die Fortpflanzungsbiologie der Kloakentiere und wurde bereits früh für Forschung und Lehre eingesetzt.