
Koloniale Kontexte
Das Museum für Naturkunde Berlin stellt sich seiner historischen Verantwortung.
Historischer Kontext
Der Aufbau naturhistorischer Museen und Sammlungen in Europa war seit dem späten 15. Jahrhundert eng mit der kolonialen Expansion verknüpft. Wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Interessen standen dabei in einem engen Zusammenhang und beeinflussten sich gegenseitig. Ziel des naturkundlichen Sammelns war es, eine möglichst große Anzahl an Objekten – insbesondere Pflanzen, Tiere und Mineralien – zu erfassen. Auf dieser Grundlage sollte die Vielfalt der Natur dokumentiert, beschrieben und nach westlich geprägten Ordnungssystemen klassifiziert werden. Zugleich diente die Erforschung der natürlichen Ressourcen in den kolonisierten Gebieten nicht nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Erschließung und Ausbeutung.
Das Museum für Naturkunde Berlin ist in seiner Entstehungs- und Sammlungsgeschichte exemplarisch für diese Entwicklungen. Seit seiner Gründung 1810 erhielt es Sammlungen aus aller Welt. Diese ergänzten die bereits vorhandenen Objekte aus Kunstkammer, Preußischer Akademie der Wissenschaften sowie der Bergakademie. Hier wie in allen anderen großen westlichen Naturkundemuseen bildet Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten bis heute eine Grundlage der Forschung und Vermittlung.
Am Museum für Naturkunde Berlin findet eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit der Institutionen- und Sammlungsgeschichte statt. Dabei steht Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.
Deutsche Kolonialherrschaft und das Museum für Naturkunde Berlin
Insbesondere in der Zeit von 1884 bis 1919 spielte das Zoologische Museum des heutigen Museums für Naturkunde (siehe Abbildung) eine herausgehobene Rolle bei der Zentralisierung und Bearbeitung der Sammlungen aus den deutschen Kolonien. Es initiierte eine Vielzahl von Expeditionen und stattete Beamte und Militärangehörige in den Kolonien in Afrika, im Pazifik und in China mit Grundkenntnissen im naturkundlichen Sammeln sowie mit Sammelanleitungen und -materialien aus.

Durch einen Bundesratsbeschluss aus dem Jahr 1889 erhielt es sämtliche Objekte aller auf Reichskosten ausgerüsteten Expeditionen sowie die von Kolonialbeamten zusammengetragenen Materialien. Die Sammlungen wuchsen insbesondere durch die aus den Kolonien eingehenden Objekte in einem zuvor nie dagewesenen Umfang an. Besondere Prominenz erlangten die jurassischen Fossilien vom Berg Tendaguru im heutigen Tansania, damals Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika, die seit fast hundert Jahren im Sauriersaal des Museums ausgestellt sind. Aber auch weniger öffentlichkeitswirksame Sammlungen profitierten von kolonialen Herrschaftsverhältnissen und Infrastrukturen.
Nach der Abtretung der deutschen Kolonien 1919 blieben die zum Teil weiterhin kolonisierten Gebiete wichtige Bezugspunkte der Sammel- und Forschungstätigkeit am Museum für Naturkunde. Die Erforschung der Sammlungsgeschichte der etwa 30 Millionen Objekte des Museums stellt uns insofern vor immense Aufgaben.
Das Center for Humanities of Nature am Museum für Naturkunde widmet sich der Erforschung dieser Geschichte. Gegenwärtig setzen sich mehrere Forschungsprojekte mit der kolonialen Provenienz der Sammlung auseinander.
- Forschung und Verantwortung.
- Togo…
- Leitfaden zum Umgang mit naturkundlichen Sammlungen aus kolonialen Kontexten
Darüber hinaus beschäftigten sich auch folgende Projekte mit kolonialen Provenienzen und der Kolonialität naturkundlicher Sammlungen.
- Koloniale Provenienzen der Natur. Der Ausbau der Säugetiersammlung des Museums für Naturkunde um 1900 (12/2020 – 01/2024)
- Menschliche Überreste am Museum für Naturkunde (2024)
- Forschungsfokus Provenienz (11/2021 – 04/2022)
- Das Fenster zur Natur und Kunst. Eine historisch-kritische Aufarbeitung der Brandenburgisch-Preußischen Kunstkammer (2019‒2022)
- Tiere als Objekte. Zoologische Gärten und Naturkundemuseum in Berlin, 1810 bis 2020 (2019‒2021)
- Museums and Society. Mapping the Social (2021-2023)
- Dinosaurier in Berlin (2015-2018)
Zur Reihe internationaler Tagungen zum Thema Naturkunde und Kolonialismus gehören etwa:
- Politics of Natural History. How to decolonise the Natural History Museum (2018)
- Working on Things. On the social, political, economic history of collections (2016)
Neben öffentlichen Veranstaltungen dienen interne Workshops der Auseinandersetzung mit der kolonialen Institutionen- und Sammlungsgeschichte des Museums für Naturkunde sowie mit fortwirkenden kolonialen Strukturen und Rassismus (Erklärung “Gemeinsam gegen Diskriminierung, Vorurteile und Rassismus”).
Es werden weitere Diskussions- und Vermittlungsformate sowie Führungsprogramme erarbeitet, die sich spezifisch mit der Kolonialgeschichte des Hauses befassen. Das Museum für Naturkunde nimmt außerdem an der Pilotphase im Rahmen der 3-Wege-Strategie zur Erfassung und digitalen Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland teil. Erste Ergebnisse finden sich hier.

Kontakt
Für Fragen, Anregungen oder Kooperationsanfragen wenden Sie sich bitte an: humanities@mfn.berlin
Zitierte und weiterführende Literatur
Archivbestände
- HBSB, Zoolog. Museum S I, Frühe Kataloge, Mappe 6 Eingangskatalog (1816‒1828)
- Bestand Säugetierkustodie
Publikationen
Angermann, Renate, Die Säugetierkollektion des Museums für Naturkunde der Humboldt- Universität zu Berlin, in: Säugetierkd. Inf. 3 (1989), H. 13, S. 47‒68.
Bericht aus dem Zoologischen Museum in Berlin im Rechnungsjahr 1915, in: Mitt. Zool. Mus. Berl. (1916), S. 241‒255.
Brauer, August, Das Zoologische Museum, in: Geschichte der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, hrsg. von Max Lenz, Berlin 1910, S. 372‒388.
Bruchwitz, Arend, Koloniale Sammelpraktiken zwischen Kamerun und Berlin ‒ Die Säugetierkustodie des Museums für Naturkunde 1889‒1916, Masterarbeit HU-Berlin 2019.
Gissibl, Bernhard, The Nature of German Imperialism. Conservation and the Politics of Wildlife in Colonial East Africa, New York 2016.
Heumann, Ina, Taking Nature. Collecting and the Exercise of Colonial Power, in: Science in Context 2026: 1-24, https://doi.org/10.1017/S0269889725100951
Heumann, Ina, Holger Stoecker, Mareike Vennen, eds. 2024. Deconstructing Dinosaurs. The History of the German Tendaguru Exhibition and Its Finds, 1906-2023. Leiden: Brill.
Kaiser, Katja, and Ina Heumann. forthcoming. "Provenance and Transformation: Humanities in Natural History Collections " Museum International 77 (307-308).
Heumann, Ina, Stoecker, Holger, Tamborini, Marco, Vennen, Mareike, Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte 1906–2018, Göttingen 2018.
Kaiser, Katja, Heumann, Ina (Hg.): Umgang mit kolonialen Objekten der Naturkunde. Empfehlungen, Forschung, Reflexionen, Sandstein Kultur 2025.
Kaiser, Katja, Sammelpraxis und Sammlungspolitik. Das Beispiel Georg Zenker, in: Rahemipour, Patricia (Hrsg.), Bipindi – Berlin. Ein wissenschaftshistorischer und künstlerischer Beitrag zur Kolonialgeschichte des Sammelns (= KOSMOS Berlin – Forschungsperspektive Sammlungen, Bd. 1), Berlin 2018, S. 7-46.
Köstering, Susanne, Natur zum Anschauen. Das Naturkundemuseum des deutschen Kaiserreichs 1871–1914, Köln 2003.
Kretschmann, Carsten, Räume öffnen sich. Naturhistorische Museen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Berlin 2006.
Liebisch, Das geologisch-paläontologische Institut und Museum, in: Geschichte der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, hrsg. von Max Lenz, Halle 1910, S. 310‒319 .
Heinrich Lichtenstein, Das Zoologische Museum der Universität zu Berlin, Berlin 1816.
Miehlbradt, Sandra, Von königlichen Audienzen, stillen Helfern und Jagdtrophäen. Das Sammeln naturkundlicher Objekte für das Museum für Naturkunde im kolonialen Kontext, in: Brogatio, Heinz Peter/Röschner, Mathias (Hg.): Koloniale Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft, Halle 2020, S. 12‒23.
Nyhart, Lynn K., Modern Nature. The Rise of the Biological Perspective in Germany, Chicago 2009.
Pappenheim, Paul, Bericht über das Zoologische Museum der Universität Berlin in den Jahren 1916-1926, Berlin 1928.
Stoecker, Holger, Ein afrikanischer Dinosaurier in Berlin. Der Brachiosaurus brancai als deutscher und tansanischer Erinnerungsort, in: WerkstattGeschichte, Nr. 77 (2018): S. 65–83.
Uhlig, Manfred/Jaeger, Bernd, Zur Erforschung der Käferfauna der afrotropischen Region durch das Museum für Naturkunde Berlin mit einem Überblick über die coleopterologischen Ergebnisse der
ersten gemeinsamen Expedition des Museums für Naturkunde Berlin und des State Museum Windhoek in Namibia, in Mitt. Zool. Mus. Berl. 71 (1995), 2, S. 213‒245.