Detailaufnahme des montierten Skeletts von Brachiosaurus brancai im Lichthof des Museums für Naturkunde Berlin im Jahr 1936.

Forschung unter Restriktionen (1918–1939)

Nach dem Ersten Weltkrieg verändert sich das Museum: Der internationale Austausch bricht ab, die Forschung richtet sich auf die eigene Sammlung. Mit dem Nationalsozialismus wandeln sich Alltag, Aufgaben und moralische Maßstäbe grundlegend.

Abgeschnitten von der Welt

Mit der Einrichtung des Zoologischen Instituts erhielt Franz Eilhard Schulze den direkten Auftrag, sich der Evolutionsforschung zu widmen, deren Grundlage Charles Darwin mit seinem Werk Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl gelegt hatte.

Insgesamt war die Wissenschaft in Deutschland – und damit auch am Museum für Naturkunde Berlin – vom internationalen Austausch weitgehend abgeschnitten. In den 1920er-Jahren arbeiteten unsere Wissenschaftler – die Forschung am Museum war lange Zeit stark männlich geprägt – daher vor allem an Objekten, die bereits in der Sammlung vorhanden waren. 

Initiative

Frauen in der Naturkunde

Um die Beiträge von Frauen zu Forschung, Sammlung und Wissenstransfer sichtbar zu machen, gründete sich 2024 die Initiative FIND – Frauen in der Naturkunde. Sie hinterfragt kritisch, wie Geschlecht (Gender) im Museum repräsentiert ist, und arbeitet daran, die Geschichte(n) von Frauen zu recherchieren, zu dokumentieren und sichtbar zu machen, die mit dem Museum verbunden waren.

Im Fokus stehen sowohl öffentlich bekanntere Akteurinnen wie die Ornithologin Maria Emilia Snethlage (1869 - 1929) und Dagmar von Helversen (1944 - 2003), als auch die vielen bislang unsichtbar gebliebenen Frauen – darunter Forscherinnen, Hilfsarbeiterinnen, Sammlungspflegerinnen, wissenschaftliche Illustratorinnen, Präparatorinnen, Bibliothekarinnen, Archivarinnen und Fotografinnen.

Präparation als wissenschaftliches Handwerk

Die Präparationswerkstätten des Museums prägten die Zeit zwischen den Weltkriegen maßgeblich. Viele ikonische Objekte entstanden in dieser Phase – von frühen Präsentationen echter Dinosaurierskelette bis zu Tierpräparaten, die bis heute weltweit als Referenzen gelten. Einige dieser historischen Arbeiten zeigt die aktuelle Ausstellung Highlights der Präparationskunst. Sie macht sichtbar, wie eng handwerkliche Meisterschaft und naturkundliche Forschung schon damals miteinander verbunden waren.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel stammt aus dem Jahr 1935: die Dermoplastik des Gorillas Bobby. Er kam 1928 im Alter von zwei Jahren in den Berliner Zoo und starb sieben Jahre später an einer Blinddarmentzündung. Die Berliner Präparatoren Karl Kaestner und Gerhard Schröder schufen noch im selben Jahr ein Präparat, das bis heute als Meisterwerk gilt. Es beeindruckt durch große handwerkliche Präzision ebenso wie durch eine eigens entwickelte Technik: die Teilparaffinierung wenig behaarter Körperpartien.

Dabei ersetzten sie das im Gewebe enthaltene Wasser durch Substanzen wie Paraffin oder Polyethylenglykol, um Schrumpfungen zu vermeiden und feinste Strukturen zu erhalten. Diese Methode setzte neue Standards – und trägt dazu bei, dass Bobby bis heute Menschen berührt.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und ihre Folgen

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 veränderte sich auch das Museum grundlegend. Expeditionen plante man nun häufig unter rassenideologischen Fragestellungen. Der Naturforscher Ernst Schäfer bereiste Tibet und seine dritte Expedition wurde ausdrücklich von SS-Reichsführer Heinrich Himmler unterstützt. Auch Otto Schulz-Kampfhenkel, der für das Museum in Afrika und Brasilien sammelte, trat bereits 1933 der NSDAP bei und arbeitete als SS-Angehöriger an politischen, teils kriegsrelevanten Projekten der sogenannten erdkundlichen Forschung mit.

Nationalsozialistisches Gedankengut zeigte sich auch im Umgang mit langjährigen Kollegen, die nach den 1935 erlassenen Nürnberger Gesetzen als jüdisch galten. Dem renommierten Höhlenforscher Benno Wolf, der über viele Jahre als Gast am Museum gearbeitet hatte, verweigerte man zunächst den Zugang zur Bibliothek und später zum gesamten Museum. Der Zoologe Walther Arndt brachte ihm die benötigte Literatur fortan persönlich nach Hause. Wolf wurde 1942 deportiert und starb 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Sein Höhlenarchiv beschlagnahmte die SS und nutzte es zu Kriegszwecken.

Walther Arndt selbst wurde am 26. Juni 1944 wegen „defätistischer Äußerungen“ im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Eine Gedenktafel am Hauptgebäude erinnert heute an ihn.

„Brachiosaurus brancai“ steht – vorerst

1937 schlossen die Präparation und der Aufbau des größten Dinosaurierskeletts aus Tendaguru ab: des „Brachiosaurus brancai“ (heute Giraffatitan brancai). Der glasüberdachte Innenhof, der ursprünglich Walskelette und Großsäuger zeigte, wurde zum Sauriersaal.

Das Skelett wurde seither mehrfach ab- und umgebaut, zuletzt 2009, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Aufbau zu berücksichtigen. Bis heute gehört es zu den Objekten, die tiefe Einblicke in Erdgeschichte, koloniale Kontexte und unterschiedliche Wissensformen ermöglichen.

Zerstörung und Bewahrung

Mit dem Jahr 1939 beginnt eine Zeit existenzieller Herausforderungen für das Museum. Luftangriffe, Zerstörung und die Rettung großer Teile der Sammlung prägen die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Wie das Museum diese Zeit überstand, erzählt das nächste Kapitel: Krieg, Zerstörung und Rettung (1939–1945)