Postkarte mit Frontansicht des Museums für Naturkunde Berlin samt Vorplatz mit Notiz aus dem Jahr 1901.

Kaiserreich und koloniale Verflechtungen (1889–1918)

Beginn einer neuen Ära: 1889 eröffnet das neue Museumsgebäude. Erstmals erhalten die Museen und Institute einen eigenen Ort. Die Bestände wachsen rasant, auch durch koloniale Zuwächse, die wir heute kritisch beleuchten.

Das Museum erfindet sich neu

Am 2. Dezember 1889 eröffnete Kaiser Wilhelm II. das „Museum für Naturkunde“. Der Bau entstand im Kontext des jungen Deutschen Reiches und wurde unter anderem durch Reparationszahlungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg finanziert. Im Gebäude vereinten sich vier eigenständige Einrichtungen:

  • Mineralogisches Museum
  • Geologisch-Paläontologische Museum
  • Zoologisches Museum und Zoologisches Institut

In dieser Zeit setzte sich ein neues Verständnis von Museum durch: die Trennung von Forschungs- und Schausammlung. Diese international diskutierte Reform veränderte die Arbeit mit den Objekten grundlegend und machte das Museum zu einem frühen Vorreiter. Erstmals gab es eine didaktische Schausammlung für die Öffentlichkeit mit dem Anspruch das Wissen zu vermitteln.

Direktorenstreit

Architekt August Tiede plante ein modernes Haus mit von der Ausstellung getrennten Sammlungsräumen. Direktor Wilhelm Peters wollte die Objekte hingegen weiterhin in systematischen Reihen im gesamten Gebäude präsentieren. Zwar setzte er sich durch, starb jedoch kurz vor Baubeginn 1883. Sein Nachfolger Karl August Möbius, der die Reform unterstützte, realisierte schließlich die von Tiede bereits konzipierte Trennung: Die Schausammlung zog ins Erdgeschoss, die wissenschaftliche Sammlung in die oberen Stockwerke. Diese funktionale Neuordnung galt damals als revolutionär und etablierte das Museum als frühen europäischen Vorreiter.

Aufgrund der Trennung von Sammlung und Schausammlung wurden die repräsentativen Treppenhäuser von Beginn an für das Publikum gesperrt. Erstmals in der Geschichte des Hauses wird heute mit der Umsetzung unseres Zukunftsplans die Architektur ihrer eigentlichen Bestimmung nach genutzt werden können. Die Museums-Evolution ermöglicht – wie ursprünglich vorgesehen – Einblicke in die Forschungssammlung in den oberen Stockwerken.

Ein spektakulärer Lichthof – zunächst ohne Saurier

Bei der Eröffnung 1889 zeigte das Museum im zentralen Lichthof keine Dinosaurier – diese wurden erst 1909 bis 1913 in Tendaguru ausgegraben –, sondern vor allem Großsäuger, darunter mehrere Walskelette, Elefanten, Nashörner und Giraffen. 

Diese wechselvolle Nutzung ist ein Beispiel dafür, wie sich das Museum immer wieder neu erfand: Räume erhielten neue Funktionen, Ausstellungen entwickelten sich weiter und wissenschaftliche Erkenntnisse veränderten Präsentationsformen.

Im Rahmen der heutigen Museums-Evolutionknüpfen wir daran an. Der historische Lichthof wird erneut umgestaltet – diesmal zu einer offenen Welcome Area und zu einem Ort für Austausch und Dialog über die drängenden Herausforderungen unserer Zeit. Die großen Saurierskelette ziehen in einen überdachten Innenhof um, der künftig zusätzliche Ausstellungsfläche bietet.

Deutsche Kolonialherrschaft

Zwischen 1884 und 1919 spielte das damalige Zoologische Museum eine zentrale Rolle bei der Sammlung und Bearbeitung naturkundlicher Objekte aus den deutschen Kolonien. Es initiierte Expeditionen und stattete Kolonialbeamte sowie Militärangehörige in Afrika, im Pazifik und in China mit Anleitungen und Material zum Sammeln aus. Naturkundliches Sammeln diente dabei nicht nur der wissenschaftlichen Erfassung von Biodiversität, sondern stand häufig auch im Zusammenhang mit wirtschaftlichen und politischen Interessen.

Ein Bundesratsbeschluss von 1889 legte fest, dass alle Objekte von Expeditionen, die auf Reichskosten ausgerüstet wurden, ebenso wie von Beamten vor Ort gesammelte Materialien nach Berlin gelangten. Dadurch wuchs die Sammlung in bislang nicht gekanntem Ausmaß.

Auch nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs 1919 blieben ehemals koloniale Regionen wichtige Bezugspunkte für Sammlung und Forschung. Sammlungsgut aus diesen Kontexten bildet bis heute eine zentrale Grundlage für wissenschaftliche Arbeit, Ausstellung und Vermittlung.

Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist eine zentrale Aufgabe des Museums. Forschende untersuchen die Herkunft der Objekte, die Bedingungen ihres Sammelns sowie die zugrunde liegenden Machtverhältnisse. Dabei werden auch wissenschaftliche Praktiken, Sprache und institutionelle Strukturen kritisch reflektiert. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen und die Sammlung für einen globalen Dialog zu öffnen.

Die Sammlung wächst weiter

Das bekannteste Objekt aus dieser Zeit ist der „Brachiosaurus brancai“ (heute wissenschaftlich als Giraffatitan brancai beschrieben) im Lichthof des Museums. Das aus Knochen mehrerer Individuen sowie ergänzenden Kunstknochen zusammengesetzte Skelett dominiert seit 1937 die Ausstellung. Die Knochen wurden zwischen 1909 und 1913 am Berg Tendaguru im heutigen Tansania ausgegraben.

Insgesamt gelangten mehr als 225 Tonnen fossiler Knochen nach Berlin. Die Geschichte dieser Grabung und der geborgenen Fossilien dokumentiert das Buch Dinosaurierfragmente – zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte 1906–2018. Es leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit deutscher Sammlungen – hundert Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs. Obendrein ist es eine Grundlage für den offen zugänglichen Leitfaden zum Umgang mit kolonialen Objekten der Naturkunde, der Transparenz schafft und Orientierung für eine verantwortungsvolle Sammlungs-, Forschungs- und Ausstellungspraxis bietet.

Auch die Sammlungserschließung am Museum bringt laufend neue Erkenntnisse. Bereits im Jahr 2008 wurde etwa bekannt, dass sich in der Vogelsammlung 28 Präparate von der Insel Nauru befinden – die weltweit umfassendste Sammlung von Nauru-Vögeln. Sie gelangten im Zuge der deutschen Kolonialverwaltung des Pazifikatolls nach Berlin. Ein aktuelles Forschungsprojekt am Museum schafft einen virtuellen Zugang zu Beständen aus Tendaguru. 

Weitere bedeutende Sammlungszugänge stammen unter anderem aus der Deutschen Tiefseeexpedition Valdivia (1898/99), deren Ausbeute die Meeresforschung maßgeblich voranbrachte.

Erweiterung des Gebäudes – und ein Blick in die Zukunft

Zwischen 1914 und 1917, während des Ersten Weltkriegs, erweiterte das Museum sein Gebäude um einen Anbau. Dieser Gebäudeteil wurde bis heute nie umfassend saniert. Die baulichen Bedingungen entsprechen daher vielerorts nicht den Anforderungen einer zeitgemäßen Sammlungsunterbringung, exzellenter Forschung oder eines integrierten Arbeitens.

Mit der Museums-Evolution eröffnet sich erstmals die Möglichkeit, dies grundlegend zu ändern. Die umfassende, denkmalgerechte, nachhaltige und energieeffiziente Sanierung dieses historischen Gebäudeteils schafft Raum für moderne Forschung, verantwortungsvolle Sammlungsunterbringung und neue Formen des Dialogs.

Einschnitt und Neuorientierung

Mit der baulichen Erweiterung und dem rasanten Wachstum der Sammlungen endet 1918 eine Epoche, die von wissenschaftlichem Fortschritt, kolonialen Verflechtungen und großen baulichen Veränderungen geprägt war. 

Der Erste Weltkrieg markiert jedoch einen tiefen Einschnitt. In der folgenden Epoche zwischen den Weltkriegen (1918–1939) stehen Isolation, wissenschaftlicher Neubeginn und politische Radikalisierung nebeneinander. Wie das Museum diese unruhige Zeit erlebte, zeigt das nächste Kapitel der Museumsgeschichte: Forschung unter Restriktionen (1918–1939)