
Die erstaunliche Resilenz eines tropischen Regenwaldes
Ergebnisse einer internationalen Forschendengruppe unter Beteiligung des Museums für Naturkunde Berlin, die nun in Nature veröffentlicht wurden, liefern eine überraschend positive Antwort: Regenwälder besitzen eine enorme Fähigkeit zur Selbstregeneration.
Tropische Regenwälder sind Hotspots der Biodiversität: Fast zwei Drittel aller Wirbeltierarten und drei Viertel aller Baumarten leben in ihnen. Doch über die Hälfte dieser einzigartigen Wälder wurde bereits gerodet – vor allem für die Landwirtschaft – und ihre Flächen nehmen weiterhin drastisch ab. Können diese Ökosysteme sich erholen? Und kehren auf die gerodeten Flächen nicht nur Bäume, sondern auch die ursprünglichen Tiergemeinschaften zurück? Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschungsgruppe Reassembly, an der auch Mark Oliver Rödel vom Berliner Naturkundemuseum beteiligt war, hat diese Fragen untersucht. Ihre Ergebnisse, die nun in Nature veröffentlicht wurden, liefern eine überraschend positive Antwort: Regenwälder besitzen eine enorme Fähigkeit zur Selbstregeneration.
In Agrarflächen wachsen Bäume schnell wieder nach, sobald die Landnutzung eingestellt wurde. Auch vielfältige Tierarten siedeln sich wieder an. Die Artenvielfalt erholte sich in 30 Jahren auf über 90% des ursprünglichen Niveaus. In diesem Zeitraum kehrten sogar drei Viertel der Primärwald-typischen Tier- und Pflanzenarten zurück. Das gilt zumindest für das Untersuchungsgebiet im Chocó, dem Nordwesten Ecuadors, einer Region, in der noch wenige unberührte Flecken Primärwald und größere Sekundärwälder vorhanden sind. Diese bilden das Reservoir der vielen zurückkehrenden Tier- und Pflanzenarten. Forschende von über 30 Universitäten und Institutionen haben dafür die natürliche Regeneration 16 verschiedener Organismengruppen (Tier-, Pflanzen- und Bakterienarten) erstmals genauer untersucht. Insgesamt 62 Flächen wurden verglichen, die seit einigen Jahrzehnten durch die Naturschutzorganisation Jocotoco geschützt und in ein großes Naturschutzgebiet integriert wurden: aktiv genutzte Weiden und Kakaoplantagen, unterschiedlich alte Sekundärwälder die vormals als Weiden und Plantagen genutzt wurden, und unberührte Urwälder.
Insgesamt 41 Kolleg:innen vor allem aus Deutschland und Ecuador konnten durch ihre Expertise zu einer bislang einzigartigen Untersuchung von über 8500 Arten beitragen. Karla Neira und Mark-Oliver Rödel vom Museum für Naturkunde in Berlin untersuchten die Froscharten und ihre Beute. Frösche sind wichtige Bindeglieder in tropischen Nahrungsketten und aufgrund ihrer engen Lebensraumbindung besonders gut geeignet, die Fortschritte der Waldregenation zu untersuchen.
Bislang wurde in verschiedenen Studien in Mittel- und Südamerika gut dokumentiert, dass die ursprüngliche Vielfalt und Biomasse der Bäume über 100 Jahre benötigt, um vollständig zu regenerieren. Für die meisten Tierarten dagegen war bislang kaum bekannt, ob und wie schnell sie zurückkommen können. In der neuen Studie zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Artengruppen: während einige mobile Tiergruppen bereits in wenigen Jahren regenerierten, brauchen die Gemeinschaften wirbelloser Tiere in der Laubstreu oder Bakterien im Boden sehr viel länger als die Baumarten. Der Vergleich von Weiden und Kakao-Plantagen erbrachte für letztere kürzere Regenerationszeiten. Durch die vor Ort belassenen Plantagenbäume sind in den Anfangsstadien schon schattenspendende Bäume und Laub vorhanden, statt der konkurrenzstarken Weidegräser.
Die Ergebnisse belegen eindrucksvoll, dass sich Investitionen in den Schutz und die Wiederherstellung von Wäldern lohnen. „Regenwälder als komplexe, artenreiche Ökosysteme zeigen eine erstaunliche Resilienz“, erklärt Timo Metz, Erstautor der Studie. Seniorautor Nico Blüthgen betont die Schlüsselrolle der Tiere: „Fledermäuse, Affen, Vögel und andere Arten tragen aktiv zur Waldregeneration bei, indem sie Samen verbreiten und Bestäuberleistungen erbringen.“
Martin Schaefer, Leiter von Jocotoco, ergänzt: „Unsere Studie zeigt, dass 75 % der Artenzusammensetzung und 90 % der Artenvielfalt innerhalb einer Generation zurückkehren können – vorausgesetzt, wir schützen diese Flächen. Naturschutz lohnt sich.“
Gleichzeitig mahnt Blüthgen: „Die Abholzungsrate ist noch immer viel höher als die Schutzmaßnahmen – weltweit verschwinden jährlich fast 4–6 Millionen Hektar tropischer Wälder. Außerdem funktioniert die schnelle natürliche Regeneration nur, solange in der Landschaft noch ausreichend intakte Wälder als Spenderflächen vorhanden sind. Für die dringend benötigte Wende in der Klima- und Biodiversitätskrise bleibt also nur noch wenig Zeit. Nur wenn wir Renaturierung massiv ausweiten und intakte Wälder schützen, können wir die Klima- und Biodiversitätskrise noch bremsen.“
Die Arbeit der Forschenden liefert damit nicht nur wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch eine Grundlage für praktische Naturschutzstrategien: Schutzgebiete und gezielte Renaturierung können die Biodiversität der Tropen wiederherstellen – und das schneller, als viele vermutet hätten.

Foto: Canande

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