Back to top

Tote Wespen fliegen länger

Back to top

Tote Wespen fliegen länger

3. März - 3. Mai 2015

Im Sommer 2008 geht den Wissenschaftlern einer US-amerikanischen Biodiversitätsexpedition im Norden Thailands eine kleine Grabwespe in die Falle. Sie ist der Wissenschaft noch nicht bekannt und wird zwecks taxonomischer Bestimmung nach Lexington, Kentucky geschickt (14.226km). Von dort aus wird sie weiter nach Berlin in das Museum für Naturkunde geflogen, da sich dort einer der weltweit besten Grabwespenexperten befindet (7.220km). Hier steckt sie nun und erwartet ihre endgültige Beschreibung und Benennung, bevor sie sich wieder auf den Weg nach Thailand machen wird (8.600km). Eine ansehnliche Strecke also für eine kleine, tote Wespe.

In dieser Ausstellung präsentieren die Wissenschaftssoziologin Tahani Nadim und die Künstlerin Åsa Sonjasdotter faktische und imaginierte Reisen und Regungen dreier Protagonisten, einschließlich der Grabwespe aus den Sammlungen. Denn hinter der scheinbaren Ruhe der Präparate verbergen sich bewegte Geschichten und Beziehungen, die unser Verständnis von Natur und unseren Umgang mit der Welt in ein anderes Licht rücken. In drei unterschiedlichen Interventionen im Ausstellungs- und Sammlungsbereich werden die Umlaufbahnen dieser Protagonisten nachgezeichnet und erweitert, um damit einen Blick auf den regen Verkehr zwischen Räumen, Zeiten und Ordnungen zu eröffnen. Zum einen wird der Frage nachgegangen, wo Sammlungsobjekte denn herkommen und wie sie ins Museum gelangen. Zum anderen werden, dem Aufruf „to stay with the trouble“ („Folge den Schwierigkeiten“) der Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway nachgehend, kosmopolitische Problemfelder reflektiert, die sich durch diese Bewegungen eröffnen.

Die noch unbekannte Grabwespe aus dem Norden Thailands bildet die Hauptfigur theatralischer Führungen in die nicht öffentlichen Sammlungen. In diesen Führungen erzählt Tahani Nadim über Biodiversitätserfassung, Taxonomie und wie man Wespen sehen und kennen lernt. In einem speziell für diese Ausstellung konzipierten Kurzfilm verwirbelt sich der zweite Protagonist, kosmischer Staub, mit alltäglichem Museumsstaub und macht Kontinuitäten zwischen gewöhnlichen und außerordentlichen Reinigungsarbeiten und Pflegepraktiken deutlich. Die dritte Gestalt erwächst aus der rezenten Pflanzensamensammlung von Prof. Dr. Dieter Hans Mai, die sich in der paläobotanischen Sammlung des Museums befindet und zum Vergleichen mit fossilen Samen genutzt wird. In einer Ausstellung wird die abenteuerliche Reise der Sisalagave (Agave sisalana), von Mexiko nach Tansania, sowie die Arbeit der botanischen Zentralstelle für die Deutschen Kolonien illustriert.

Dieses Projekt war Teil des Programms „Fellowship Internationales Museum“ der Kulturstiftung des Bundes.