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Die Diversität der Distelbohrfliegen

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Female of a protected endemic thistle-fly species Urophora dzieduszyckii observing a young flower head of the globe thistle Echinops exaltatus

Seit Jahrzehnten lässt sich überall auf der Welt ein Rückgang der biologischen Vielfalt beobachten. Der Verlust von Arten gefährdet die Tier- und Pflanzengemeinschaft und könnte laut Prognosen zu einem Zusammenbruch von Ökosystemen in zahlreichen Ländern weltweit führen. Die wechselseitige Abhängigkeit der Tier- und Pflanzenwelt zeigt sich am Beispiel von Insekten besonders deutlich. Erstaunlicherweise sind aber gerade einmal ein Drittel aller Insektenarten beschrieben, so dass eine große Anzahl dieser Arten im Verborgenen vom Aussterben bedroht ist. Aus diesem Grund hat sich der ukrainische Wissenschaftler Prof. Dr. Valery A. Korneyev mit den Forschenden des Zentrums für Integrative Biodiversitätsentdeckung zusammengeschlossen, um die Biodiversität der Distelbohrfliegen umfassender zu beschreiben.

Die kleinen Distelbohrfliegen, die zur Familie der Frucht- oder Bohrfliegen gehören und durch ihre besondere Zeichnung der Flügel auffallen, umfassen etwa 150 Arten. Deren Larven befallen, wie der Name bereits andeutet, die Blütenköpfe von Disteln. Ihnen wird dabei eine große wirtschaftliche Bedeutung bei der biologischen Unkrautbekämpfung zugesprochen, da die Larven sich von den Samenanlagen der Pflanze ernähren und dadurch ihre Reproduktion deutlich reduzieren. Darüber hinaus nehmen die Distelbohrfliegen eine weitere wichtige Funktion ein, da sie Teil eines fragilen Nahrungsnetzes sind, welches viele Ökosysteme miteinander verbindet.

Trotz der großen ökologischen und ökonomischen Bedeutung der Distelbohrfliegen, ist diese Insektengruppe bisher nur unzureichend charakterisiert. Zahlreiche neue Arten der Fruchtfliegen (Tephritidae) wurden erst in den letzten 40 Jahren entdeckt und beschrieben. Im Rahmen des Forschungsprojekts sollen daher hochwertige morphologische Abbildungen vom Kopf, Flügeln, Mundwerkzeugen und anderen Körperteilen angefertigt werden, um eine revidierte Beschreibung und familiäre Zuordnung der Fliegen zu ermöglichen. Ergänzend zu den morphologischen Untersuchungen, werden genetische Analysen eingesetzt, um die Evolution der Distelbohrfliegen zu rekonstruieren. Der Vergleich der DNA erlaubt einen vertieften Blick auf die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Distelbohrfliegen, ermöglicht die Abgrenzung verschiedener Arten und unterstützt bei der Charakterisierung unterschiedlicher Entwicklungsstadien von der Larve bis zum adulten Tier.

Für die Untersuchungen steht eine beeindruckende Sammlung von Distelbohrfliegen aus zahlreichen Ländern zur Verfügung. Viele der Exemplare stammen aus dem europäischen und dem zentralasiatischen Raum. Anfang März 2022 gelang es dem Wissenschaftler alle wesentlichen Teile der Sammlung aus Kyiv nach Berlin zu evakuieren.

Das Projekt, das im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Wissenschaftler:innen der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert wird, wird entscheidend dazu beitragen, ein besseres Verständnis über die taxonomische Vielfalt der Distelbohrfliegen zu erhalten und neue bisher unbekannte Gruppen der Fliegen zu beschreiben.

Hintergrundinformationen Prof. Valery Korneyev

Prof. Valery Korneyev war bis zum Ausbruch des Kriegs stellvertretender Direktor des I. I. Schmalhausen Institute of Zoology in Kyiv und Leiter der Abteilung „Entomology & Collection Management“. Er gehört weltweit zu den führenden Entomologen und ist ein ausgesprochener Experte auf dem Gebiet der Frucht- und Bohrfliegen. Die Kontakte zwischen Prof. Valery Korneyev und dem Museum für Naturkunde Berlin reichen bereits viele Jahre zurück, da er fast jährlich die Diptera-Bestände des Museums für Naturkunde Berlin besichtigt.