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Persönlichkeitsunterschiede bei Blumenfledermäusen

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Gruppe von Langzungenfledermäusen in einer Höhle in Costa Rica.

Tropische Fledermäuse, die sich von Nektar, Pollen und Früchten ernähren, fungieren oft als wichtige Bestäuber und Samenverbreiter im Ökosystem tropischer Regenwälder. Unter ihnen ist beispielsweise Pallas‘ Langzungenfledermaus, Glossophaga soricina. Diese kleine Fledermausart ist auf dem amerikanischen Kontinent von Mexiko bis Argentinien verbreitet und bewohnt eine ganze Reihe unterschiedlicher Habitate, in denen sie zur Gesundheit und Vielfalt der Wälder beiträgt. Jedoch konnte immer wieder beobachtet werden, dass nicht alle Tiere auf die gleiche Art und Weise den Nahrungserwerb bewerkstelligen. Manche Tiere monopolisieren ganze Pflanzen oder Blütenstände, die sie gegen andere Artgenossen mit Angriffsflügen und -rufen verteidigen. Andere Tiere verfolgen stattdessen eine sogenannte „trap-lining“ Strategie, wobei sie bekannte Futterquellen nacheinander in ähnlicher Reihenfolge abfliegen und dort Nektar aufnehmen. 

Solch unterschiedliches Verhalten von Tieren derselben Art weckt seit einiger Zeit das Interesse der Wissenschaft. Lange ging man davon aus, dass Tiere einer Art sich im Verhalten kaum unterscheiden sollten, da sie unter den gleichen Selektionsdrücken und Umwelteinflüssen stehen. Studien der letzten Jahre brachten aber immer öfter ans Licht, dass es in einer Vielzahl von Arten bedeutende Abweichungen vom „optimalen“ Verhalten gibt. Wenn diese Unterschiede im Verhalten einzelner Tiere entweder zeitlich oder kontextuell konsistent, also wiederholbar, sind, spricht man in der Wissenschaft von Persönlichkeitsunterschieden. Wissen über diese Art von Verhaltensunterschieden im Nahrungserwerb einer ökologisch bedeutsamen Spezies ist unerlässlich, um die Biodiversität und die Gesundheit der Tropenwälder angemessen schützen zu können. Fledermäuse sind allerdings, trotz ihres Artenreichtums und ihrer ökologischen Bedeutung, in der Persönlichkeitsforschung bisher auffallend unterrepräsentiert.

Theresa Schabacker untersucht daher in ihrem Dissertationsprojekt, in welchem Ausmaß sich Individuen einer Population von Langzungenfledermäusen in Costa Rica voneinander unterscheiden. Die Biologin hat einen ganzheitlichen Ansatz: Sie untersucht, inwieweit sich das Erkundungs- und Risikoverhalten von Individuen unterscheidet und ob diese Unterschiede mit physiologischen und kognitiven Prozessen zusammenhängen. Aufbauend auf den Erkenntnissen ihrer Masterarbeit versucht sie, klassische Tests der Persönlichkeitsforschung an die Bedürfnisse von neotropischen Fledermäusen anzupassen. Die gefundenen konsistenten Verhaltensunterschiede zwischen Individuen werden dann mit Unterschieden in der Stoffwechselrate (hohe vs. niedrige Stoffwechselrate) und den kognitiven Fähigkeiten (Geschwindigkeit, Genauigkeit und Umkehrbarkeit von Lernprozessen) in Verbindung gebracht. Theresa Schabacker erwartet, gewisse „Verhaltenstypen“ kategorisieren zu können, die sich auch in den anderen untersuchten Ebenen unterscheiden. „Es ist vorstellbar, dass Tiere, die beispielsweise sehr explorationsfreudig und risikobereit sind, auch eine andere Stoffwechselrate aufweisen als Tiere, die eher vorsichtig und scheu sind. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass sich einzelne Verhaltenstypen auch in ihrer Lernfähigkeit unterscheiden können. Dieser Zusammenhang ist vor allem in Zeiten von globalem Klimawandel und damit einhergehenden, raschen Veränderungen in Ökosystemen besonders bedeutend“, so Schabacker.  

Ihre Erkenntnisse sollen zum einen Licht auf Ursachen und Konsequenzen von Persönlichkeitsunterschieden werfen. Zum anderen will Theresa Schabacker dazu beitragen, konkrete Vorhersagen darüber zu machen, wie sich Schlüsselarten wie Fledermäuse unter sich verändernden Umweltbedingungen verhalten und was zu ihrem Schutz getan werden kann.

Dieses über das Elsa-Neumann Stipendium des Landes Berlin finanzierte Promotionsvorhaben wird von PD Dr. Mirjam Knörnschild (MfN Berlin) betreut und in Kooperation mit den Persönlichkeits-Expertinnen Prof. Dr. Lysanne Snijders (Universität Wageningen) und Dr. Melanie Dammhahn (Universität Potsdam) durchgeführt.
 

Kooperationspartner

Prof. Dr. Lysanne Snijders (Universität Wageningen)

Dr. Melanie Dammhahn (Universität Potsdam)

Finanzierung

Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin