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Der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsverbund „Dinosaurier in Berlin. Brachiosaurus brancai als wissenschaftliche, politische und kulturelle Ikone, 1906-2016“ arbeitet seit 2015 an der Aufarbeitung der Ausgrabung und der Geschichte der Funde einer paläontologischen Expedition, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Berliner Naturkundemuseum in die damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika durchgeführt wurde. Die Ergebnisse geben exemplarisch Aufschluss über die kolonialen Erwerbungskontexte naturkundlicher Sammlungen und die besonderen kolonialpolitischen Bedingungen dieser sogenannten Deutschen Tendaguru-Expedition. Das Museum für Naturkunde Berlin ist damit eines der wenigen Museen, die sich der kolonialen Vergangenheit ihrer naturkundlichen Objekte stellen. Die Forschungsergebnisse werden 2018 publiziert und in die Ausstellung einfließen.

Von 1909 bis 1913 fand in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika am Berg Tendaguru eine der bis heute bedeutendsten paläontologischen Ausgrabungen statt. Sie wurde durch Paläontologen des Berliner Museums für Naturkunde geleitet und im Wesentlichen durch Spendensammlungen finanziert. Ihr Ergebnis waren 230 Tonnen fossilen Materials, darunter das Skelett des Brachiosaurus brancai, das seit 1937 im Lichthof des Museums für Naturkunde Berlin präsentiert wird.

Wesentliche Forschungsergebnisse des Verbunds betreffen unter anderem die Erwerbungskontexte der Fossilien. Die Fundstelle am Tendaguru wurde im März 1908 von der deutschen Kolonialverwaltung zu „herrenlosem Land“ erklärt und als „Kronland“ in Besitz genommen. Derartige Kronlandserklärungen erfolgten im Zuge der wirtschaftlichen Erschließungen der Kolonie und stellten faktisch eine Enteignung und Vertreibung der lokalen Bevölkerung dar. Am Tendaguru wurden damit zwei Ziele verfolgt: Zum einen sollte die afrikanische Bevölkerung von der Fundstelle ferngehalten werden. Zum anderen wurde das juristische Eigentumsrecht an den Fossilien für das deutsche Kaiserreich dauerhaft gesichert sowie das exklusive Zutrittsrecht zur Fundstelle für die Berliner Ausgrabungsexpedition erreicht. Mit der Inbesitznahme des Areals durch den deutschen Kolonialstaat wurde dieser auch zum Eigentümer an den im Boden liegenden Fossilien. Flankierend dazu wurden 1911 durch ein Ausfuhrverbot von Fossilien aus Deutsch-Ostafrika Sicherungsmaßnahmen gegen ausländische Konkurrenz ergriffen.

Die Erwerbungskontexte der Dinosaurierfossilien weisen ein enges Zusammenwirken zwischen dem Reichskolonialamt in Berlin, der Kolonialadministration in Deutsch-Ostafrika und dem Museum für Naturkunde auf. Der Transfer der Dinosaurierfossilien aus dem Boden Ostafrikas in den Besitz des Berliner Museums für Naturkunde verlief konform zu den damaligen Rechtsordnungen des Deutschen Kaiserreiches und der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Gleichwohl fanden dabei indigene Vorstellungen von Recht, Eigentum und Besitz an Land sowie die Bedeutung der Fossilien für die ansässige Bevölkerung keine Beachtung. Insofern war die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika die Voraussetzung für die Bergung und den Erwerb der Dinosaurierfossilien; die Funde stehen für die enge Verflechtung der Museumssammlung mit dem deutschen Kolonialismus. Die historischen Hintergründe werden in der Ausstellung des Museums künftig exemplarisch dargestellt.

Der Forschungsverbund „Dinosaurier in Berlin. Brachiosaurus brancai als wissenschaftliche, politische und kulturelle Ikone, 1906-2016“ ist eine Zusammenarbeit der kulturwissenschaftlichen Forschungsabteilung PAN – Perspektiven auf Natur am Museum für Naturkunde Berlin, des Fachgebiets Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin (Prof. Dr. Bénédicte Savoy) sowie des Seminar für Afrikawissenschaften (Prof. Dr. Andreas Eckert) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Forschungsergebnisse werden 2018 publiziert.