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Wie klingt eine Sammlung?

Mit Installationen von Mark Dion, Assaf Gruber und Elisabeth Price sowie einer Mikrooper von Ulrike Haage & Mark Ravenhill

Eröffnung am 29. Januar 2018 um 19:00 Uhr, Einlass ab 18:30 Uhr. Um Anmeldung wird gebeten bis 22. Januar unter: kunst@mfn-berlin.de

Wie klingt eine Nass-Sammlung? Was erzählen Expeditionsmaterialien über Naturforscher? Wie fühlt es sich an in den Tiefen der Erdgeschichte? Und haben Sie schon einmal über die Bedeutung der Glasscheibe in Museen nachgedacht? Mit drei Installationen und Live-Aufführungen einer für die Nass-Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin komponierten Mikrooper geht das Modellprojekt Kunst/Natur in die vierte Runde. Auf sehr unterschiedliche Weise befragen die Werke Räume und Materialien des Naturkundemuseums, lenken die Aufmerksamkeit auf bisher Verborgenes, fordern Sehgewohnheiten heraus und laden zu sinnlichen Erkundungen ein. Videointerviews mit den Künstlerinnen und Künstler geben darüber hinaus einen Einblick in den Entstehungsprozess der Werke.

Was bringt jemanden dazu, stundenlang auf der Lauer zu liegen, um ein bestimmtes Tier zu beobachten oder jahrelang in fernen Ländern unterwegs zu sein, um Tiere, Pflanzen oder Steine zu sammeln? Diese Motivation zu ergründen, war der Ausgangspunkt für die Intervention „Gesammelte Sammler. Die materielle Kultur der Feldforschung“ von Mark Dion. Dabei betrachtet er die Forscher, die seit über 200 Jahren die Sammlungen des Naturkundemuseums zusammengetragen haben, ähnlich wie ein Ethnologe eine fremde Kultur und richtet sein Augenmerk auf Materialien, die für die Arbeit draußen „im Feld“ verwendet werden. Er fragt sich dabei, inwiefern diese Dinge Auskunft über die technologischen, politischen, kulturhistorischen und ökonomischen Aspekte wissenschaftlichen Arbeitens geben. Begleitend zum Werk erschient ein „Field Guide“. Kuratorin: Christine Heidemann, Berlin.

Mark Dion (*1961 in New Bedford/USA, lebt in New York) beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit unserem Verhältnis zur Natur in Wissenschaft und Kunst. Er stellt international aus, u.a. im Natural History Museum in London (2007), auf der documenta 13 (2012), auf der Istanbul Biennale oder im ICA Boston (beides 2017).

Die Werke von Assaf Gruber widmen sich dem Zusammenhang zwischen Weltanschauungen und individuellen Biografien sowie der Frage, wie diese beiden Aspekte Beziehungen und Räume prägen. Dieser Fokus bildet auch den Hintergrund für seine Filminstallation „The Conspicuous Parts“ (Eine klare Sache) im Naturkundemuseum (ca. 35 min.). Grubers Film befragt die Art, in der Museen wissenschaftliche Fakten oder Annahmen vermitteln. Die Biografien der Protagonistinnen – eine Tierpräparatorin und eine Schriftstellerin – verdeutlichen, wie diese Darstellung durch das Begehren und die Begehrlichkeiten von Individuen geprägt werden. Im Laufe des Films schwindet zunehmend die Möglichkeit, zwischen wissenschaftlichem Tatbestand und künstlerischer Freiheit zu unterscheiden. Kuratorin: Dorothée Brill, Berlin.

Das Spiel mit Verunsicherung ist typisch für die Filme und Skulpturen von Assaf Gruber (*1980 in Jerusalem, lebt in Berlin). Einzelausstellungen: “The Anonymity of the Night” im Muzeum Sztuki w Łodzi/Lodz, “Citizen in the Making”, Eigen+Art Lab/Berlin und “Rumor” im Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art in Warsaw (2018).

Die Installation „BERLINWAL“ der britischen Künstlerin Elizabeth Price setzt sich aus Materialien aus dem Museum und musealen Räumen selbst zusammen. Ihre Intervention in die Museumsarchitektur ist eine Einladung, im Ausstellungsraum zu verweilen und in einen Innenhof zu blicken. Dieser Hof beherbergte einst die Walhalle, die 1935 eröffnet und während eines Feuersturms 1945 zerstört wurde. Spektakulärstes Schaustück war das Skelett eines Grönlandwals. Als das Museum 1889 eröffnete, stand dieses Exemplar im heutigen Sauriersaal, bis es in den 1930er Jahren in die neu errichtete Walhalle überführt wurde. Zum Werk gehört ein Faltbuch mit einem Text der Künstlerin, der die Geschichte dieses verschwundenen Objektes und des Ortes erzählt – von frühesten geologischen Formationen bis in die Zeit des Kalten Krieges. Kuratorin: Bergit Arends, London.

Elisabeth Price (* 1966 in Bradford, Großbritannien) erhielt 2012 den renommierten Turner Prize sowie den Paul Hamlyn Award. Zu ihren jüngsten Arbeiten zählen: A RESTORATION (2016) im Ashmolean Museum/Oxford sowie die kuratierte Ausstellung In a Dream You Saw a Way to Survive and You Were Full of Joy (2016-2017). Price lebt und arbeitet in London.

Mit ihrer Mikrooper „Rete Mirabile│Wundernetz“ erweckt Ulrike Haage die Nass-Sammlung des Naturkundemuseums zum Leben. Bei ihren Besuchen erkundete die Komponistin den Ort und seine Atmosphäre. Ihr forschendes Herantasten an die Materie übersetzte Haage musikalisch in ein assoziatives Klanggewebe. Im Gehen erlebt das Publikum das Werk, das zwischen streng-repetitiver Minimal Music und imaginativen Echos der Renaissancemusik oszilliert. Das Libretto von Mark Ravenhill spielt mit Bildern aus „Vampyroteuthis infernalis“, einem Essay des Philosophen Vilém Flusser über das Welterleben des Vampirtintenfisches, dessen 1903 beschriebenes Typusexemplar im Museum aufbewahrt wird. Ravenhill nähert sich dem Stoff poetisch, zeitkritisch und symbolisch. Die zehn Gesänge der Mikrooper sind in unterschiedlichen dichterischen Genres verfasst und spiegeln den Perspektivwechsel zwischen Mensch und Tier wider.

Ulrike Haage (*1957 in Kassel, lebt in Berlin), Komponistin, Pianistin und Regisseurin, arbeitet an der Schnittstelle von Jazz, Avantgarde, klassischer Musik und Literatur. 2003 wurde sie mit dem German Jazz Award ausgezeichnet.

Mark Ravenhill (*1966 in Haywards Heath/UK, lebt in London) Dramatiker, Dramaturg und Regisseur, schreibt Theaterstücken, Drehbüchern und Hörspiele.

Uraufführung der Mikrooper am 12.02., 18:30 Uhr & 19:30 Uhr.

Weitere Termine: 19.02./26.02./5.03., jeweils 18:30 Uhr & 19:30 Uhr (Dauer: ca. 40 min.). Reservierung unter: kunst@mfn-berlin.de, Eintritt frei.

Radiosendetermine: SWR2 am 5.04. um 22:03 Uhr, danach online nachzuhören: www.swr2.de/wundernetz. Deutschlandfunk Kultur am 20.07. um 00:05 Uhr.

Das vom Museum für Naturkunde Berlin und der Kulturstiftung des Bundes 2014 gemeinsam initiierte Modellprojekt Kunst/Natur widmet sich den Wechselwirkungen zwischen zeitgenössischer Kunst, Museumspraxis und Naturforschung. In Zusammenarbeit mit externen Kuratorinnen und Kuratoren wurden Künstlerinnen und Künstler dazu eingeladen, sich mit dem Forschungsmuseum und seinen Sammlungen auseinanderzusetzen, um daraus neue Werke zu entwickeln. Mit der vierten Interventionsrunde endet das Modellprojekt. Die Dokumentation und Auswertung erscheint im Sommer in Buchform. Einen Überblick über die Werke bietet jetzt schon die Projektwebsite, auf der auch die Beiträge zur internationalen Kunst/Natur-Konferenz vom Juni 2017 zu sehen sind.

Weitere Informationen: http://kunst.mfn-berlin.de/

Laufzeit: 30.1. – 29.04.2018