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Himmelbeete, Froschschenkel und die globale Nachhaltigkeitstransformation

Moderatorin und Podiumsteilnehmer bei der veranstaltung "Das Mensch-Natur-Verhältnis und die globalen Nachhaltigkeitsziele" am 24.9.2018 im Sauriersaal des Museums für Naturkunde Berlin, Foto: HwaJa Götz, Museum für Naturkunde Back to top

Himmelbeete, Froschschenkel und die globale Nachhaltigkeitstransformation

Das Museum für Naturkunde hat im Rahmen des Leibniz-Aktionsplans gemeinsam mit dem Leibniz-Verbund Biodiversität (LVB) und dem Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) eingeladen, um die Synergien und Konflikte bei der Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele, der Sustainable Development Goals (SDGs) zu diskutieren. Dabei standen Gerechtigkeitsaspekte im Vordergrund, die sich am Mensch-Natur Verhältnis festmachen: Wie gehen wir mit Natur um? Wie wirkt sich unser Konsum auf die biologische Vielfalt auch in anderen Teilen der Welt aus? Wie sollen die globalen Flächen genutzt werden?

Impulse

Bereits in ihrem Grußwort wies die Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministeriums für Umwelt (BMU), Frau Schwarzelühr-Sutter, darauf hin, dass es bei der Erreichung von Nachhaltigkeitszielen durchaus Zielkonflikte wie aktuell den um den Braunkohleausstieg gäbe, und auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltfragen (WBGU) in seinem letzten Gutachten darauf hingewiesen habe, soziale Aspekte im Rahmen von Umweltpolitiken stärker zu berücksichtigen. Frau Schwarzelühr-Sutter betonte, wie wichtig in diesem Zusammenhang auch der Rückenwind aus der Wissenschaft sei, um Nachhaltigkeitspolitik umzusetzen.

PD Dr. Jens Jetzkowitz, Museum für Naturkunde Berlin, bestätigte die Zielkonflikte in einem anschaulichen Beispiel: Wohnraum in Berlin wird knapp, und die Stadt reagiert mit Bauvorhaben, um neuen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Damit gerät die Stadt aber in Konflikt mit Umwelt- und Klimaschutzzielen, der Erhaltung von Grünflächen zur Erholung und für den Naturschutz. Aus solchen Dilemmata führe grundsätzlich nur eine Begrenzung des Ressourcenverbrauchs – wie sie im Übrigen bereits 1987 im berühmten Brundtland-Report angemahnt wurde. Während soziale Nachhaltigkeitsziele nun als verhandelbar erscheinen, stellt Herr Jetzkowitz dann auch konsequenterweise in Frage, ob Umweltziele als "nicht verhandelbar" dem gesellschaftlichen Diskurs entzogen werden können, wie es die sogenannte Wedding Cake Graphik des Stockholmer Resilience Center impliziert.

Dr. Ruth Delzeit, Institut für Weltwirtschaft Kiel, bestätigte die Zielkonflikte anhand wissenschaftlicher Modellrechnungen. Es gehe, so Frau Delzeit bei einem Blick auf die 17 Nachhaltigkeitsziele, quasi immer um Landnutzungskonflikte. Bei einer global weiter wachsenden und immer wohlhabenderen Bevölkerung sei u.a. anzunehmen, dass immer mehr Fleisch und Molkereiprodukte verzehrt würden, was zu einer Ausdehnung von Anbauflächen führen würde. Aufgrund der weltweit vernetzten Handelsströme würden – auch in den wenigen  Regionen, in denen sich Anbauflächen verkleinern – die Preise für landwirtschaftliche Produkte sinken.  Basierend auf ihren Modellrechnungen ging sie davon aus, dass es insbesondere in Mittelamerika und der Karibik, auf Madagaskar sowie in Indonesien und Papua-Neuguinea zukünftig zu massiven Konflikten zwischen Erhaltung von Artenvielfalt und landwirtschaftlicher Nutzung kommt.

Der Impuls von Prof. Dr. Markus Wissen, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, begann mit der Einschätzung, dass das Mensch-Natur Verhältnis nachhaltig gestört sei. Obwohl – rein rational – die Auswirkungen typischer Verhaltensweisen (hoher Fleischkonsum, hoher Anteil motorisierter Individualverkehr, Flugreisen,…) bekannt seien, kommt es zu keiner Verhaltensänderung. Selbst nach großen Krisen folgt business as usual.  Warum ist das so? Die Hauptbegründung, die Herr Wissen lieferte, ist, dass die Kosten der Produktion von Nahrungsmitteln, Autos, Handys etc. in den Globalen Süden verlagert würden und somit unsichtbar seien, eine „sehende Verdrängung“ ermöglichten. Food from nowhere. Im Supermarkt sei zwar zu erfahren, wie frisch und gesund ein Produkt sei, aber nichts zu den Bedingungen der Produktion und deren sozio-ökologischen Auswirkungen. Durch das tägliche Wiederholen dieser Konsumroutine werde diese imperiale Herrschaft, also die Herrschaft über eigene ökonomische Grenzen hinaus, etabliert und normalisiert. Die globalen Nachhaltigkeitsziele seien zwar insofern ein Fortschritt, als zugleich soziale Ziele angesprochen und auch Industrieländer als zu entwickeln adressiert werden. Dennoch benennen auch die SDGs den eigentlichen Grundkonflikt nicht konkret genug: das Streben nach Wachstum. Herr Wissen schlägt vor, das ökonomische System dahingehend zu revolutionieren, dass nicht der wachstumgetriebene Markt vorherrsche, sondern diese imperiale Lebensweise durch eine solidarisch-demokratische ersetzt werden sollte.

Beiträge und Markt der Ideen

Viele der folgenden Wortbeiträge, zu denen die Vertreter der sich vorstellenden Initiativen sowie die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung auf die freien Plätze aufs Podium eingeladen waren, gaben Hinweise und Inspirationen zu solidarischen, nachhaltigen Ansätzen. Den Anfang machte eine Vertreterin des urban gardening Projektes Himmelbeet und bestätigte existierende Landnutzungskonflikte: Die Grundstückspreise in Berlin seien zu hoch, dadurch würden immer mehr Gartenflächen verschwinden, dabei würden in diesen Gärten nicht nur Nahrungsmittel produziert, sondern auch die Anpassung an den Klimawandel unterstützt. Frau Schwarzelühr-Sutter regte an, für Gärten zukünftig verstärkt nicht nur Bodenflächen, sondern auch die Dachflächen in Betracht zu ziehen – vielleicht unterstützt durch die mobilen Kompostwürmer von hubus. Frau Schwarzelühr-Sutter machte aber auch deutlich, dass die Verantwortung für die Preisgestaltung und Flächennutzung nicht beim Bund, sondern in der kommunalen Stadtplanung liege. Diese Diskrepanz zwischen Zuständigkeiten zog sich auch durch den weiteren Abend; nicht nur hier wurde deutlich, dass eine deutlich engere Abstimmung und Übernahme von Verantwortung für die Nachhaltigkeitsziele zwischen den verschiedenen Ebenen politischer Entscheidungsfindung, aber auch den verschiedenen Ressorts nötig ist.

Von einer Teilnehmerin wurde kritisiert, dass zu viele Lasten auf die Kommune oder gar Individuen verlagert würde. Kritisiert wurde auch die aktuell zu beobachtende Unverhältnismäßigkeit von Sanktionen: Während beispielsweise die Waldschützer in Hambach, die sich für eine nachhaltige Energiepolitik einsetzen, bedroht würden, würden Personen, die tatsächlich Schaden anrichten, hochgelobt. Kurz angesprochen wurde auch, welche Rolle Fake-News in diesem Zusammenhang spielen. Während die Wissenschaft sich zu wehren weiß und im Allgemeinen die vertrauenswürdigen Fachzeitschriften und Konferenzen nutzt, sei die Macht der (sozialen) Medien für eine öffentliche Meinungsbildung tatsächlich nicht zu unterschätzen. Die Kaufentscheidung im Supermarkt könnte dagegen noch stärker durch Siegel unterstützt werden. Wissenschaftlich lässt sich beispielsweise die Herkunft von Froschschenkeln nachweisen; ein wissenschaftliches Team am Museum für Naturkunde Berlin hat Methoden entwickelt, um nachzuweisen, ob die Frösche tatsächlich von Farmen stammen, wie auf der Verpackung ausgewiesen, oder es sich um wildlebende Frösche handelt, die maßgeblich zur Kontrolle von Schadinsekten in der Landwirtschaft oder zur Reduktion von Krankheitsüberträgern beitragen und deren Funktion durch den Wildfang wegfällt.

Der Tenor – und Beifall – der Teilnehmenden an diesem Abend war sehr klar: Weg von einer Lebensweise, die Menschen und Natur ausbeutet, hin zu einer solidarischen, am Gemeinwohl orientierten Ökonomie. Ansätze dazu boten nicht nur die himmlischen Beete, sondern auch Vorschläge zur Tauschökonomie von Berlins erstem Leihladen Leila sowie einem Laden für gebrauchte Baustoffe mit dem erschreckenden Namen Material Mafia. Wie es möglich ist, bereits im schulischen Bereich anzusetzen, erprobt das Museum gemeinsam mit schulischen Partnern wie beispielsweise der Hagenbeckschule aus Berlin-Weißensee. 
 

Fazit

Die Sichtbarmachung der realen Produktionskosten unserer Konsumgüter in aller Welt ist ein wichtiger Schritt, das eigene Verhältnis zur Natur zu überdenken. Viele der am Abend vorgestellten und erwähnten Initiativen und Projekte bieten Anknüpfungspunkte, eigene Routinen nachhaltiger zu gestalten. Für eine breite Implementierung bedarf es eines deutlich besseren Zusammenspiels sich demokratisch entwickelnder solidarischer Lebensweisen mit dem Primat der Politik, die sich den globalen Nachhaltigkeitszielen, der Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie der Verbesserung konkreter Lebensbedingungen verpflichtet hat.