Vogelsaal mit historischen Vitrinen, Foto: Carola Radke / MfN
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Die Vogelsammlung ist mit ca. 200.000 Objekten die größte ihrer Art in Deutschland und kann aufgrund ihres Artenreichtums, etwa 5.000 Typenexemplaren, Objekten bedeutender Sammler sowie vieler einzigartiger historischer Belegexemplare zu den bedeutendsten Vogelsammlungen weltweit gezählt werden.

Neben den ca. 140.000 Bälgen und ca. 10.000 montierten Präparaten umfasst die Sammlung etwa 7.000 Skelette, 4.000 Alkoholpräparate, 40.000 Eier, 1.500 Nester und 700 Flügelpräparaten.

Das Artenspektrum deckt je nach Vogelsystematik zwischen 76 % und knapp 90 % der rezenten Vogelarten der Erde ab. Geographische Schwerpunkte der Sammlung liegen in der Vogelwelt Brandenburgs, frühen südamerikanischen Sammlungen, kolonialen Sammlungen (Afrika, Südost-Asien, Neuguinea), sowie weiteren umfangreichen asiatischen Sammlungen.

Digitalisierung

Im Frühjahr 2016 ist ein Gesamt-Digitalisierungsstand von etwa 50 % erreicht. Alkohol- und Flügelsammlung sind bereits komplett erfasst, etwa 80 % der montierten Präparate und 60 % der Skelettsammlung sind ebenfalls digitalisiert. Die Balgsammlung ist mit etwa 5.000 komplett digitalisierten Arten aus 134 vollständig bearbeiteten Familien zu etwa 50 % erfasst. Eiersammlungen wurden bislang nicht digital erfasst.

Diese Sammlungsdaten sind für wissenschaftliche Fragestellungen auf Anfrage verfügbar.

Von den etwa 5.000 Typen sind rund 4.000 Typen digital erfasst und etwa 1.000 abrufbar unter GBIF-Deutschland.

Geschichte

Die Sammlungsgeschichte wurde insbesondere von den Kuratoren Martin H. C. Lichtenstein (1780-1857), Jean L. Cabanis (1816-1906), Anton Reichenow (1847-1941) und Erwin Stresemann (1889-1972) geprägt, die über lange Zeitperioden hinweg an der Sammlung geforscht haben sowie deren Erweiterung organisierten. Insbesondere mit Jean L. Cabanis und Erwin Stresemann rückte die Sammlung ins Zentrum der ornithologischen Forschung in Deutschland. Cabanis begründete 1853 das "Journal für Ornithologie", welches offizielles Organ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft wird. Erwin Stresemann war einer der bedeutendsten Ornithologen des 20. Jh. und integrierte die vorher im Wesentlichen faunistisch-systematische Ornithologie in die moderne Biologie. Er baute die umfassende ornithologische Bibliothek am Museum für Naturkunde unter Einbeziehung der Bibliothek der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft auf.

Da das Museum für Naturkunde umfassende Sammlungen aus den deutschen Kolonien aufnahm, ergab sich für die Vogelsammlung Afrika als geographischer Schwerpunkt. Insbesondere durch die Tätigkeit von Erwin Stresemann, der viele Sammelreisen in der ersten Hälfte des 20. Jh. anregte bzw. organisierte, wurden umfassende asiatische Sammlungen aufgenommen. Der zweite Weltkrieg hinterließ durch die Zerstörung und Beschädigung insbesondere der Standpräparate große Schäden in der Sammlung, die bis heute noch nicht vollständig aufgearbeitet sind.

Highlights

Hervorzuheben ist die aufgrund ihres Typenreichtums besonders bedeutsame, historische Sammlung, die mit zugehöriger historischer Bibliothek ein effektives Arbeiten in der Sammlung ermöglicht. Hierzu gehören Präparate aus dem 18. sowie dem Beginn des 19. Jh., sowie Präparate bedeutender Sammler, wie Alexander von Humboldt (1769-1851), Adelbert von Chamisso (1781-1838), Peter S. Pallas (1741-1811), Friedrich Sellow (1789-1831) und Ernst Mayr (1904-2005). Die aktuelle Aufarbeitung dieser Sammlungsteile führt zu einer Präzisierung der Sammeldaten und macht diese nun für aktuelle wissenschaftliche Forschung zugänglich.

Ein Schwerpunkt der Nassammlung liegt auf der Ontogenese mit mehr als 1.100 Embryonen und Jungtieren. Außerdem verfügt die Vogelsammlung des Museums über spezielle Unikate, die es nur hier in der Sammlung gibt und die aus unterschiedlichen Gründen von besonderer Bedeutung sind.

 

Die Rubinkehltangare (Nemosia rourei)

ZMB 20326, Männchen, Fundort: Brasilien, Sammler: Jean de Roure, Sammeldatum: vor 1870

Dieser Vogel, der 1870 zur Beschreibung nach Berlin gelangte, ist vermutlich das einzige Präparat dieser Art in Museen weltweit. Erst im Jahr 1998 gelang es einem brasilianischen Forscherteam die Art endgültig aufzuspüren. Man geht davon aus, dass es sich bei der Art um einen Endemiten der brasilianischen atlantischen Regenwälder handelt, das heißt diese Art kam wohl schon immer nur dort und nur in geringen Individuenzahlen vor. Aktuell wird von einem Bestand von 50 bis 250 Exemplaren ausgegangen, der auf einem sehr kleinen Gebiet lebt und durch die Abholzung der Wälder extrem gefährdet ist.

Balg von Rubinkehltangare Nemosia rourei, Foto: Carola Radke / MfN

Großer Vasapapagei (Coracopsis vasa) Jacob“, das Haustier Alexander von Humboldts

Nach wechselvoller Geschichte hatte der Großherzog zu Weimar Humboldt das Tier vererbt, weil Humboldt bei einem Besuch 1826 lebhaftes Interesse an diesem geäußert hatte. Nachdem es mehr als 30 Jahre bei ihm in Gefangenschaft lebte, wurde es von Alexander von Humboldt an das Museum übergeben. Neben drei Rotfußfalken ist dies das einzige weitere Vogel-Präparat dieses bedeutenden Naturwissenschaftlers, welches am Museum für Naturkunde Berlin erhalten geblieben ist.

Bild des "Humboldt-Papageis" Jacob, Foto: Carola Radke / MfN

Forschung

Rund 100 Wissenschaftler nutzen die Sammlung pro Jahr um überwiegend taxonomische, evolutionäre oder ökologische Fragen mit ihrer Hilfe zu beantworten. Es werden aber auch immer wieder u.a. Fragen der Bionik, der Paläontologie und der Isotopenforschung am Sammlungsmaterial erforscht.

Im Rahmen eigener Forschungsprojekte werden vorrangig historische Fragestellungen bearbeitet. Dabei werden insbesondere Kataloge zu bedeutenden Sammlungen zusammengestellt, Typenlisten erstellt und Reiserouten nachvollzogen. Wesentliches Ziel dieser Studien ist die Verbesserung der Nutzbarkeit der historischen Präparate für aktuelle Forschungen. Dazu dient insbesondere die Bekanntmachung, welche Präparate hier zu finden sind (bzw. an andere Sammlungen weitergegeben wurden) sowie die Präzisierung der Sammeldaten.

So sind in den vergangenen Jahren Publikationen zu historischen Sammlungen inklusive Typenlisten erschienen, z.B. der Sammlungen W. J. Ansorge, B. Dybowski, E. Eversmann, K. Jelski, W. Hemprich/C. Ehrenberg und F. Sellow. Aktuell erfolgt z.B. die Bearbeitung der Typen der Sammlung Gustav A. Fischer in Zusammenarbeit mit dem Zoologischen Museum Hamburg.

Der Zugang zur Sammlung ist nur nach vorheriger Absprache mit der Kuratorin möglich.

Bibliothek

Eine umfassende ornithologische Bibliothek, einschließlich der Bibliothek der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft, mit rund 500 Metern ornithologischer Bücher und Zeitschriften ist die Voraussetzung für effektives Arbeiten in der Sammlung. Sie wurde von Erwin Stresemann, ab 1924 Kustos am Zoologischen Museum Berlin,  aufgebaut und ist insbesondere aufgrund ihrer historischen Bestände besonders wertvoll. Lesen Sie dazu auch die Geschichte von Cooks Ou aus dem Museumsprojekt Wissensdinge.