Direkt zum Inhalt

Stadtnatur kennenlernen mit der Naturblick-App

Citizen Science für Natur Journal Ausgabe 9

Mit rund 120 000 Nutzer:innen gehört die App Naturblick zu den ‚Verkaufsschlagern‘ des Museums für Naturkunde Berlin, wobei ‚Verkaufsschlager‘ insofern falsch ist, als sie kostenlos heruntergeladen und genutzt werden kann. „Die Naturblick-App unterstützt die urbane Naturerfahrung“, wie es Dr. Omid Khorramshahi, leitender Entwickler der App, formuliert. Sie stellt ein niederschwelliges Angebot für diejenigen dar, die sich für die Natur in der Stadt interessieren, ohne schon große Artkenntnisse zu besitzen. Mit ihr lassen sich Vögel an ihrem Gesang und Pflanzen anhand von selbstgemachten Fotos bestimmen. 

Die Arten können zudem mit über 700 Artportraits und einem manuellen Bestimmungsschlüssel identifiziert und anschließend samt Fundort in ein digitales Feldbuch eingetragen werden. „Das ist aber nur die eine Seite der Medaille“, betont Omid Khorramshahi. Die andere ist das, was mit den ganzen gesammelten Daten gemacht werden kann, ein „wissenschaftlicher Schatz“. Da sind einmal die anonymisierten Nutzungsdaten. Wie oft wurde die App aufgerufen, wie viele Nutzer:innen benutzen sie, welche Komponenten der App werden wie stark genutzt.

„Das zeigt uns, welche Werkzeuge gut angenommen werden, liefert uns wertvolle Erkenntnisse für die Naturblick-App als Beitrag zur digitalen Umweltbildung und ermöglicht uns, Fehler zu identifizieren und korrigieren“. So wird die Naturblick-App immer besser. Ebenso interessant sind natürlich die in die Feldbücher eingetragenen „Observationen“, also Beobachtungen. Diese werden für die Nutzer:innen auf Servern des Museums gespeichert. „Ziel war aber auch von vornherein, diese Observationen für wissenschaftliche Zwecke auszuwerten.“

Eines der ersten solchen Projekte war der überaus erfolgreiche ‚Forschungsfall Nachtigall‘. Hier wurde über drei Saisons hinweg der Gesang der Berliner Nachtigallen aufgenommen. Die Forschungsfrage dahinter: Singen die Nachtigallen verschiedener Berliner Kieze in unterschiedlichen Nachtigall-Dialekten? Tausende Aufnahmen kamen zusammen, nicht nur aus Berlin, sondern auch aus ganz Deutschland, anderen europäischen Ländern und sogar aus Asien. Die spannenden Ergebnisse wurden in drei wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. Und singen die Nachtigallen nun in Dialekten? Mitnichten – die Nachtigallen trällern nicht nur in Spandau und Neukölln, sondern in ganz Europa überraschend einheitliche Melodien.

Drei Forschende des Museum für Naturkunde Berlin.

„Aktuell arbeiten wir an einer neuen Fragestellung. Wir schauen uns die lokale Verteilung der Beobachtungen innerhalb Berlins an“, berichtet Omid Khorramshahi. Die Daten können interessante Rückschlüsse für die stadtplanerische Bauplanung und auch generell für die Nutzung des städtischen Raums in Berlin liefern. „Es ist ja schon mehrfach gezeigt worden, dass Naturerfahrung in der Stadt sehr positive Auswirkungen auf die Gesundheit und die Erholung und Entspannung hat.“ Naturerfahrung hat natürlich etwas mit der Nähe zur Natur zu tun. Wo genau findet diese Naturerfahrung also eigentlich statt? 

Da die meisten Beobachtungen mit ihrem Fundort in die Feldbücher eingetragen werden, kann man sie auf einer Karte Berlins darstellen. Kombiniert man diese Karte mit einer zweiten, auf der Wohngebiete, Grünflächen und weitere Bebauungsformen zu erkennen sind, wird deutlich, dass die meisten Observationen in Parks, Wäldern und an Gewässerrändern gemacht werden. Sehr gut zu sehen ist das beispielsweise auf der kombinierten Karte des Bezirks Treptow-Köpenick. Das war zu erwarten und wurde auch schon vorausgesagt. Überraschend ist allerdings, dass der Unterschied in der Häufigkeit der Naturbeobachtungen zwischen Wohngebieten und Nicht-Wohngebieten bei weitem nicht so deutlich ist wie man es erwarten würde.

Im Mittel wurde mehr als ein Drittel der bisherigen Naturbeobachtungen in Wohngebieten gemacht. „Das wirft spannende Fragen auf: welche Faktoren beeinflussen die Naturerfahrung in der Stadt? Welche ‚Natur‘ wird wahrgenommen? Das Ergebnis könnte sicherlich zu stadtplanerischen Konsequenzen führen. Welche baulichen Maßnahmen sollte man ergreifen, um den Lebensraum naturnäher zu entwickeln und damit die

Lebensqualität im Wohngebiet zu steigern?“ Interessant ist auch, dass das Verhältnis zwischen Beobachtungen innerhalb und außerhalb von Wohngebieten je nach Stadtbezirk unterschiedlich ist. Nimmt man die Daten für den Stadtbezirk Reinickendorf, zeigt sich, dass der Bezirk nicht nur insgesamt sehr grün ist, sondern auch seine Wohngebiete Orte der Naturerfahrung sind. Es wurden dort überdurchschnittlich viele Naturbeobachtungen mit der App gemacht. 

Ganz anders sieht es im Stadtbezirk Mitte aus, wo es sehr wenig Naturbeobachtungen in den Wohngebieten gibt, ein Ergebnis, das entweder auf fehlende Natur dort hinweist oder darauf, dass die Natur weniger wahrgenommen wird, weshalb die Nutzer*innen der App in Berlin-Mitte sich mehr mit der Natur der Grünflächen befassen als mit jener ihres Wohngebietes. Spannend ist natürlich auch, welche Tier und Pflanzenarten in die Feldbücher eingetragen wurden. Die Übersicht der Arten und die entsprechenden Beobachtungsorte werden derzeit mit der Hilfe von Ehrenamtlichen darauf geprüft, ob die Art am entsprechenden Ort tatsächlich richtig bestimmt wurde. 

Diese Ergebnisse werden nicht nur helfen, die Qualität der Arterkennung durch die KI der App zu kontrollieren, sondern auch bei der Erfassung der Berliner Biodiversität. Eine erste Verbreitungskarte am Beispiel von Nachtigall, Igel und Walnussbaum kann man bereits heute auf der Homepage der Naturblick-App finden. Auch aus solchen Verbreitungskarten lassen sich Schlüsse für stadtplanerische Maßnahmen ziehen. Dabei ist zu bedenken, dass diese Karten nicht alle Vorkommen der jeweiligen Art enthalten, sondern nur jene, die die Nutzer:innen der App in ihre Feldbücher eingetragen haben. Für den Wert der Beobachtungen spricht allerdings, dass bereits erste Berliner Institutionen Interesse an ihnen bekundet haben. „Das freut uns natürlich sehr.“

Text: Mirco Lomoth
Fotos: Pablo Castagnola