Ein internationales Forschungsteam hat einen bislang unbekannten Weberknecht in rund 35 Millionen Jahre altem Bernstein aus der Ukraine und dem Baltikum in der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin entdeckt. Die neue Art belegt, dass eine heute in Europa ausgestorbene Gruppe dieser Spinnentiere während des Eozäns deutlich weiterverbreitet war als bisher angenommen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Acta Palaeontologica Polonica veröffentlicht.
Bernsteinfossilien (Inklusen) gelten als besondere Glücksfälle für die Forschung: Vor Millionen Jahren in Baumharz eingeschlossen, können Organismen darin außergewöhnlich detailreich erhalten bleiben. Die Bernsteinsammlung des Museums für Naturkunde Berlin enthält zahlreiche solcher für die Wissenschaft wertvollen Objekte. Darunter sind auch die beiden Objekte, die nun die Beschreibung der neuen Weberknecht-Art Balticolasma wunderlichi ermöglichten. Sie gehört zur Unterfamilie der Ortholasmatinen – einer Gruppe mit oft auffälligem Erscheinungsbild, deren Körperoberfläche stark ornamentiert ist und im Kopfbereich gitterartige Fortsätze tragen kann. Fossile Vertreter dieser Gruppe waren bislang unbekannt.
Entdeckt und beschrieben wurde die neue Art von einem deutsch-bulgarischen Team um den Paläontologen Christian Bartel von den Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns und Plamen Mitov von der Sofia University. Für die Untersuchung der dreidimensionalen Anatomie nutzten die Forschenden hochauflösende Röntgenmethoden. Computertomografie-Scans am Helmholtz-Zentrum Hereon am DESY in Hamburg machten selbst feinste Strukturen sichtbar – darunter ein netzartiges Muster aus feinen Leisten, das die Oberseite des Körpers überzieht, sowie komplex aufgebaute Mundwerkzeuge.
Co-Autor Jason Dunlop vom Museum für Naturkunde Berlin ordnet den Fund in einen größeren Kontext ein: „Der baltische Bernstein ist bekannt für seine enorme Fossilvielfalt und bringt immer wieder Arten zutage, die heute in Europa nicht mehr vorkommen. Dass die neue Weberknecht-Art auch in der Ukraine gefunden wurde, zeigt, wie ähnlich die damaligen Faunen beider Regionen waren.“
Der Nachweis eines ortholasmatinen Weberknechts in europäischen Bernsteinvorkommen war überraschend, denn Weberknechte dieser Gruppe gibt es heute in Europa nicht mehr. Verwandte Arten leben derzeit in Ostasien sowie in Nord- und Mittelamerika. Offenbar waren diese Tiere vor 35 Millionen Jahren auf der Nordhalbkugel deutlich weiterverbreitet als heute.
Mit dem neuen Fund wächst das Bild der fossilen Weberknecht-Vielfalt weiter: Insgesamt sind nun 19 Arten aus baltischem Bernstein und sieben aus dem ukrainischen Rovno-Bernstein bekannt – sechs davon kommen in beiden Regionen vor. Der neue Nachweis liefert damit wichtige Hinweise darauf, wie sich Tiergruppen über geologische Zeiträume verbreiten und verändern.
Bild 1: Heutiger Vertreter der Ortholasmatinae, Ortholasma rugosum. Foto: Ken-ichi Ueda CC-BY.
Bild 2: Lebendrekonstruktion von Balticolasma wunderlichi erstellt von Joschua Knüppe.
Bild 3: 3D Modell von Balticolasma wunderlichi (Männchen). Foto: Christian Bartel
Bild 4: Fossil Balticolasma wunderlichi (Weibchen) aus ukrainischem Rovno Bernstein. Foto: Jonas Damzen.
Bartel, C., Mitov, P. G., Dunlop, J. A. & Hammel, J. U. 2026. 3D analyses of the first ortholasmatine harvestmen from European Eocene ambers. Acta Palaeontologica Polonica, 71, 95-107. https://www.app.pan.pl/archive/published/app71/app012832025.pdf