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Die harte Schale der Armfüßer

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Die harte Schale der Armfüßer

Eine Gruppe deutscher Wissenschaftler, darunter Dr. Carsten Lüter vom Museum für Naturkunde Berlin, hat erstmals die molekularen Mechanismen der Schalenbildung bei Armfüßern (Brachiopoda) umfassend untersucht. Ein Vergleich mit anderen Tiergruppen zeigt, dass der Prozess evolutionär tief verankert ist.

Armfüßer (Brachiopoden) sind wirbellose Meerestiere, die vor allem im Erdaltertum weit verbreitet waren. Die Gruppe ist wegen ihres Fossilreichtums berühmt: Bisher sind etwa 30 000 fossile Arten bekannt, von denen die ältesten aus dem Kambrium stammen, also etwa 500 Millionen Jahre alt sind. Heute gibt es vergleichsweise nur noch wenige Arten, die verschiedene Meeresbereiche besiedeln. Ein Kennzeichen der Armfüßer ist ihre zweiklappige Kalkschale. „Wie diese Schale gebildet wird, war bisher eine ungeklärte Frage“, sagt Professor Gert Wörheide von der LMU München, der die Untersuchungen koordiniert hat, „um sie zu beantworten, haben wir nun die erste umfassende Studie von Genen und Proteinen durchgeführt, die an der Schalenbildung beteiligt sind.“ Über ihre Ergebnisse berichten die Forscher im Fachjournal Genome Biology and Evolution.

Obwohl Armfüßer auf den ersten Blick Muscheln ähneln, sind sie mit diesen nicht verwandt. Im Gegensatz zu Muscheln ist ihre zweiklappige Schale nicht rechts-links symmetrisch, sondern sie besteht aus einer Ober- und einer Bauchseite, wobei die bauchseitige Schale meist größer ist. Die Schale ist entweder aus Calciumcarbonat (Calcit) oder Calciumphosphat sowie aus verschiedenen Proteinen und Kohlenwasserstoffen aufgebaut, die während der enzymatisch gesteuerten Schalenbildung abgesondert und mit in die Schale eingebaut werden. „Wir sind daran interessiert, wie der Schalenbildungsprozess von der sich umwandelnden Larve der Brachiopoden bis hin zum geschlechtsreifen Tier funktioniert. Über die Analyse der in die Schale eingeschlossene Proteine haben wir dazu einen Zugang" sagt Carsten Lüter, der seit vielen Jahren die Entwicklung lebender Brachiopoden erforscht.

Um die Schalenbildung bei Armfüßern aufzuklären, haben die Wissenschaftler am Beispiel des südamerikanischen Armfüßers Magellania venosa nicht nur die Gesamtheit der in der Schale eingeschlossenen Proteine identifiziert, sondern auch untersucht, welche Gene – die die Baupläne für die Proteine codieren – bei der Schalenbildung heutiger Armfüßer aktiv sind. „Dies war das erste derartige Screening überhaupt für einen Armfüßer. Erst durch die Kombination beider Methoden können die molekularen Komponenten der Schalenbildung identifiziert werden“, sagt Wörheide.

Die Ergebnisse des Screenings sind besonders interessant im Vergleich mit anderen skelett- bzw. schalenbildenden Organismen, etwa Korallen, Seeigeln oder Mollusken (Weichtieren): Sieben der am häufigsten in der Magellania-Schale gefundenen Proteine kommen zwar nur bei Armfüßern vor, haben aber biochemische Eigenschaften, die denen von Proteinen ähneln, die bei den anderen Tiergruppen vergleichbare Funktionen erfüllen. Andere Proteine wiederum stimmen in ihrem Aufbau mit denen der anderen Tiergruppen signifikant überein. Die Wissenschaftler schließen aus ihren Daten, dass ein Teil der genetischen Ausstattung und der molekularen Mechanismen für die Biomineralisation – also des Prozesses, mit dem Organismen mineralische Komponenten bilden – evolutionär tief verankert und ähnlich auch bei anderen wirbellosen Tieren zu finden ist. „Unsere Ergebnisse ermöglichen damit einen ganz neuen Einblick in die Evolution der Schalenbildung bei Armfüßern“, sagt Wörheide, „diese Daten werden auch für zukünftige Studien sehr wertvoll sein.“

Quelle: LMU München, Kommunikation und Presse, Dr. Monika Gödde

Originalpublikation:
The Magellania venosa biomineralizing proteome: a window into brachiopod shell evolution
Daniel J. Jackson, Karlheinz Mann, Vreni Häussermann, Markus Schilhabel, Carsten Lüter, Erika Griesshaber, Wolfgang Schmahl, Gert Wörheide
Genome Biology and Evolution 2015
doi: 10.1093/gbe/evv074
http://gbe.oxfordjournals.org/content/early/2015/04/24/gbe.evv074.abstract

Für Bildmaterial wenden Sie sich bitte an gesine.steiner@mfn-berlin.de

Fotos erhalten Sie unter:
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Brachiopoden

Credit+ Bildunterschrift: Magellania venosa im natürlichen Lebensraum. Foto: Vreni Häussermann, Universidad Católica de Valparaíso, Chile.

Das Foto kann zur Berichterstattung in Zusammenhang mit der Pressemeldung kostenfrei verwendet werden.