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Unerkannt. Koloniale Fotografien

  • Ansicht eines aufgeschlagenen Fotoalbums zur Expedition am Tendaguru
  • Glasdiapositiv eines Grasbrand vom Tendaguru aus gesehen

Paula Zwolenski, März 2024

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung des 2020 veröffentlichten Beitrags "Der vergessene Grasbrand".

2020 stieß ich bei Recherchearbeiten zur fotografischen Dokumentation von paläontologischen Expeditionen in der Bildsammlung der historischen Arbeitsstelle des Museums auf die Fotografie "Grasbrand vom Tendaguru". Die Schwarzweißfotografie sowie ein nachträglich koloriertes Glasdiapositiv mit demselben Motiv gehören zum wissenschaftlichen Konvolut der sogenannten Deutschen Tendaguru-Expedition. 

Die Deutsche Tendaguru-Expedition war zwischen 1909 und 1913 am Berg Tendaguru in der damaligen Kolonie "Deutsch-Ostafrika" (1885–1918) im heutigen Tansania durchgeführt worden. Der damalige Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts und Museums in Berlin, Wilhelm von Branca (1844–1928), hatte die Forschungsreise 1908 in Auftrag gegeben, nachdem die Meldung des Fundes von Fossilien von bis dato unbekannten Saurierarten in der Region publik geworden war. Die Expedition erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Kolonialverwaltung und wurde von verschiedenen wissenschaftlichen und politischen Institutionen sowie privaten Investoren finanziert. Mit dem Fund des heute weltweit bekannten Skelettes eines Giraffatitan brancai gilt die Expedition als einer der wichtigsten Meilensteine der Paläontologie.

Die Expeditionsleiter Edwin Hennig (1882–1977) und Werner Janensch (1878–1969) ließen auf der Forschungsreise nicht nur die Fundstücke und Fundorte ablichten, sondern auch den Expeditionsalltag, beteiligte Arbeiter*innen, Praktiken und Landschaften. Da sich keine weiteren Landschaftsfotografien in der Bildreihe befanden, bestand zunächst die Annahme, dass es sich um eine seltene, zufällig entstandene Momentaufnahme eines Naturphänomens am Rande der Expedition handelte. Einem Hinweis der Historikerin Ina Heumann, Ko-Leiterin der Forschungsabteilung Humanities of Nature, folgend, bezog ich drei Jahre später weitere Schriften der Expeditionsleiter in meine erneute Analyse des Bildes ein. Diese neuen Quellen lassen die Motivation der deutschen Forscher in einem neuen Licht erscheinen und machen die kolonialpolitische Tragweite der Expeditionsaufnahme deutlich.

Anders als es auf den ersten Blick scheint, ist der abgebildete Grasbrand kein Naturphänomen. Vielmehr zeigt die Fotografie einen menscheninduzierten Brand. So wurden Grasflächen im heutigen Tansania in den Trocken-Monaten absichtlich in Brand gesetzt, um sie für wirtschaftliche und geopolitische Zwecke zu roden. Die Methode erschien Edwin Hennig simpel und effizient. Durch den bloßen Einsatz von Streichhölzern konnten große Flächen zugänglich gemacht und freigelegt werden. Anspruchsvolle Werkzeuge oder besondere Kenntnisse wurden nicht benötigt. Das Abbrennen des meterhohen Grases dämmte zudem die Verbreitung von krankheitsübertragenden und giftigen Tieren, wie Mücken, Fliegen, Skorpionen, Schlagen und Ratten, ein. 

Die geschilderte Rodungstechnik ist ebenso Gegenstand des 1912 veröffentlichten Expeditionsberichtes "Am Tendaguru. Leben und Wirken einer deutschen Forschungs-Expedition zur Ausgrabung vorweltlicher Riesensaurier in Deutsch-Ostafrika", sowie Hennigs Zeitungsartikel "Naturmensch und Umwelt in Ostafrika", der 1938 in einer naturwissenschaftlichen Monatsschrift erschien. Der deutsche Wissenschaftler zeigt sich in seinen Schriften begeistert von der Einfachheit und Effizienz der ihm unbekannten landwirtschaftlichen Praxis. Der fast lobende Ton seiner Schilderungen steht im Kontrast zu der sonst stark rassistischen Haltung des deutschen Wissenschaftlers. So bezeichnet er die afrikanischen Völker – unter anderem auch im besagten Zeitungsartikel – als 'primitiv geblieben' und 'wehrlos' und verhöhnt ihre Lebensweisen und Sitten.

Die nach Berlin mitgebrachten und dort archivierten Fotografien dienten folglich nicht nur der Dokumentation von Arbeitsabläufen und der Demonstration des wissenschaftlichen Fortschrittes. Vielmehr präsentierten die Bilddokumente die Lebensweisen, Sitten und Praktiken der ansässigen Bevölkerung im Sinne des vorherrschenden kolonialen eurozentristischen Weltbildes. Die Expeditionsleiter eigneten sich in ihrer Sammelpraxis und den Fotografien nicht nur Fossilien an, sondern auch Wissen aus Praktiken und Sitten der afrikanischen Arbeitenden, ohne dabei die indigenen Vorstellungen von Land, Eigentum, Recht und Tradition zu respektieren. Die Fotografie im Archiv kann daher keinesfalls als neutrales Bildobjekt gewertet werden. Vielmehr handelt es sich um ein historisches Dokument, das gemeinsam mit anderen die komplexe Geschichte der abgebildeten Expedition Menschen, Praktiken und Objekte dokumentiert und zugleich ein Zeugnis von kolonialer Aneignung ist.

Ein herzlicher Dank gebührt Dr. Ina Heumann für das Teilen ihrer Forschungen und den Hinweis auf die kolonialpolitische Relevanz der Fotografie. 

Steckbrief

  • Name: Glasdiapositiv "Grasbrand vom Tendaguru aus gesehen"
  • Signaturen: MB.DTE.Dia82 (alte Signatur), PM B V/222 (Archiv des Museum für Naturkunde)
  • Provenienz: Tendaguru-Expedition (Tansania 1909–1913), Paläontologisches Museum am Museum für Naturkunde Berlin, Historische Arbeitsstelle am Museum für Naturkunde Berlin 
  • Material: Glasdiapostiv (koloriert), Diarahmen (beschriftet)
  • Fotograf: Werner Janensch (1878–1869) oder Edwin Hennig (1882–1977)
  • Jahr der Entstehung: zwischen 1909 und 1913
  • Ort der Entstehung: Tendaguru, Tansania
  • Verschlagwortung: Tendaguru-Expedition, Landschaft, Deutsch-Ostafrika, Glasdia, Tendaguru, Tansania, Werner Janensch, Edwin Hennig, Kolonialismus

Literatur

Edwin Hennig: "Die Entstehung der Dinosaurier-Lager", in: Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde, Jg. 1912, Nr. 2b, S. 137–142.

Edwin Hennig: Am Tendaguru. Leben und Wirken einer deutschen Forschungs-Expedition zur Ausgrabung vorweltlicher Riesensaurier in Deutsch-Ostafrika, Stuttgart 1912.

Edwin Hennig: "Naturmensch und Umwelt in Ostafrika", in: Richard Rein und Walter Schoenichen (Hg.): Aus der Natur (Der Naturforscher). Bebilderte Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Naturwissenschaften und ihre Anwendung in Naturschutz, Unterricht, Wirtschaft und Technik, 15. Jg., April 1938, Heft 1, S. 1–5.

Gustav Tornier: "Vorbericht über die Festsitzung für die Tendaguru-Expedition", in: Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, Jg. 1912, Nr. 2b, S. 115–120.

Ina Heumann et al. (Hg.): Dinosaurierfragmente – Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte,1906–2018, Göttingen 2018.

Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg: "Dia-Herstellung", in: Diaarchiv des kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg, Onlineeintrag (letzter Zugriff: 24.03.2024).

Maria Männing: "Bruno Meyer and the Invention of Art Historical Slide Projection", in: Photo-Objects: On the Materiality of Photographs and Photo Archives in the Humanities and Sciences, hg. v. Julia Bärnighausen et al., Edition Open Access, Studies 12, Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin, S. 275–290.

Marco Tamborini und Mareike Vennen: "Disruptions and Changing Habits: The case of the Tendaguru expedition", in: Museum History Journal, Jg. 10 (2017), H. 2, S. 183–199. DOI: 10.1080/19369816.2017.1328872.

Mareike Vennen: "Träger-Arbeiten. Die Zirkulation kolonialer Dinge und Bilder der Tendaguru-Expedition (1909–1913)", in: Der Träger. Zu einer 'tragenden' Figur der Kolonialgeschichte, hg. v. Sonja Malzner und Anne D. Peiter, Bielefeld 2018, S.157–180.

Werner Janensch: "Erster Bericht über die Tendaguru-Expedition", in: Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, Jg. 1909, Nr. 1, S. 358–360.

Zwolenski, Paula: Sensible Tonaufnahmen aus dem Archiv. Kommunikationsversuche und Selbstverortung in den Tonaufnahmen des indischen Kriegsgefangenen Baldeo Singh, unveröffentlichte Bachelorarbeit, Kulturwissenschaft, Berlin 2023.

Bildunterschriften

  • Abb. 1: Archivansicht "Grasbrand vom Tendaguru aus gesehen", Silbergelatineabzug in Album montiert, N.N., 1909–1913, 25,5 x 35 x 4 cm, MfN, HBSB, PM BIV/262, © Carola Radke, MfN.
  • Abb. 2: "Grasbrand vom Tendaguru aus gesehen", Glasdiapositiv (koloriert und umfasst mit einem beschrifteten Diarahmen), N. N., 1909–1913, 9 x 12 cm, MfN, HBSB, PM BV/222, © Carola Radke, MfN.