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Koloniale Kontexte

Blick in den Sauriersaal | © MfN Antje Dittmann

Das Museum für Naturkunde Berlin stellt sich seiner historischen Verantwortung

Neue Kooperation: TheMuseumsLab – eine Plattform für gemeinsames Lernen, Austausch und Fortbildung zur Zukunft der Museen in afrikanischen und europäischen Ländern

Der Aufbau naturhistorischer Museen und Sammlungen war in Europa untrennbar mit der Kolonialexpansion seit dem Ende des 15. Jahrhunderts verbunden. Wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Motive verbanden sich dabei eng miteinander. Das Ziel naturkundlichen Sammelns war es, auf der Basis möglichst vieler Objekte die Vielfalt der Flora und Fauna sowie der Mineralien zu beschreiben und nach westlichen Vorstellungen zu ordnen. Gleichzeitig diente die Erforschung der natürlichen Ressourcen in den kolonisierten Ländern ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung.

Das Museum für Naturkunde Berlin ist exemplarisch für diese Zusammenhänge: Seit seiner Gründung 1810 erhielt es Sammlungen aus aller Welt. Diese ergänzten die bereits vorhandenen Objekte aus Kunstkammer, preußischer Akademie der Wissenschaften sowie der Bergakademie. Hier – wie in allen anderen großen westlichen Naturkundemuseen – bildet Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten bis heute eine bedeutsame Grundlage der Forschung und Vermittlung sowie der Ausstellungen.

Am Museum für Naturkunde Berlin findet eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit der Institutionen- und Sammlungsgeschichte statt. Dabei steht Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten im Fokus. Als koloniale Kontexte werden formale Kolonialherrschaften definiert und Strukturen mit großem machtpolitischen Ungleichgewicht. Bei der Erforschung der Sammlungsgeschichte priorisieren wir Sammlungen aus Gebieten, die zum deutschen Kolonialreich gehörten. Zusätzlich nehmen die Projekte frühere und über die Kolonialzeit hinaus wirkende koloniale und rassistische Strukturen in den Blick. Neben der Geschichte der Institution und ihrer Sammlung geht es insofern auch um eine Untersuchung unserer heutigen wissenschaftlichen Praktiken, unseres Sprachgebrauchs und unserer Werte. Ziel ist es, Prozesse der Reflexion und Transformation anzustoßen und die Sammlung für einen globalen Dialog zu öffnen.

Deutsche Kolonialherrschaft und das Museum für Naturkunde Berlin

Insbesondere in der Zeit von 1884 bis 1919 spielte das Zoologische Museum des heutigen Museums für Naturkunde eine herausgehobene Rolle bei der Zentralisierung der Sammlungen aus den deutschen Kolonien und bei ihrer Bearbeitung. Es initiierte eine Vielzahl von Expeditionen und stattete Beamte und Militärs in den Kolonien in Afrika, im Pazifik und in China mit Grundkenntnissen im naturkundlichen Sammeln sowie mit Sammelanleitungen und -materialien aus.

Vergilbtes Foto: Vier deutsche Kolonialbeamte mit Jagdwaffen und erlegten Tieren im Vordergrund, sitzend, dahinter vier afrikanische junge Männer, wohl Informanten oder Jäger, stehend | © MfN Berlin

Georg Zenker (vordere Reihe, 3. v.l. ) ist ein prominentes Beispiel für die weit verbreitete Praxis des transdisziplinären Sammelns in kolonialen Kontexten: neben seiner Tätigkeit als Kolonialbeamter und Plantagenbesitzer in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun legte er umfangreiche zoologische, botanische und ethnologische Sammlungen an, die er nach Berlin an das Museum für Naturkunde, das Ethnologische Museum und das Botanische Museum sandte.

Durch einen Bundesratsbeschluss aus dem Jahr 1889 erhielt es sämtliche Objekte aller auf Reichskosten ausgerüsteten Expeditionen sowie die von Kolonialbeamten zusammengetragenen Materialien. Die Sammlungen wuchsen insbesondere durch die aus den Kolonien eingehenden Objekte in einem zuvor nie dagewesenen Umfang an. Besondere Prominenz erlangten beispielsweise die jurassischen Fossilien vom Berg Tendaguru im heutigen Tansania, damals Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika, die seit 1937 im Sauriersaal des Museums ausgestellt sind. Aber auch weniger öffentlichkeitswirksame Sammlungen profitierten von kolonialen Herrschaftsverhältnissen und Infrastrukturen.

Auch nach der Abtretung der deutschen Kolonien 1919 blieben die zum Teil weiterhin kolonisierten Gebiete wichtige Bezugspunkte der Sammel- und Forschungstätigkeit am Museum für Naturkunde. Die Erforschung der Sammlungsgeschichte der etwa 30 Millionen Objekte des Museums stellt uns insofern vor immense Aufgaben.

Humanities of Nature am Museum für Naturkunde widmet sich der Erforschung dieser Geschichte. Gegenwärtig setzen sich mehrere Forschungsprojekte mit der kolonialen Provenienz der Sammlung auseinander.

Darüber hinaus beschäftigen sich auch folgende Projekte mit kolonialen Provenienzen und der Kolonialität naturkundlicher Sammlungen.

Das Verbundprojekt Dinosaurier in Berlin. Brachiosaurus brancai als wissenschaftliche, politische und populäre Ikone (2015-2018) beschäftigte sich mit dem wohl prominentesten kolonialen Objekt aus der Sammlung des MfN, Giraffatitan brancai, der von einer paläontologischen Expedition im damaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, stammt.

Die Ergebnisse zur Politik-, Wissenschafts- und Museumsgeschichte dieser spektakulären paläontologischen Funde und ihrer Präsentation sowie Rezeption enthält der Band Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendagura-Expedition und ihrer Objekte, 1906-2018.

Zur Reihe internationaler Tagungen zum Thema Naturkunde und Kolonialismus gehören etwa:

Zentrale Aspekte dieser Auseinandersetzung sind neben öffentlichen Veranstaltungen interne Workshops zur kolonialen Institutionen- und Sammlungsgeschichte des Museums für Naturkunde, aber auch zu fortwirkenden kolonialen Strukturen und Rassismus.

Es werden weitere Diskussions- und Vermittlungsformate sowie Führungsprogramme erarbeitet, die sich spezifisch mit der Kolonialgeschichte des Hauses befassen. Das Museum für Naturkunde nimmt außerdem an der Pilotphase im Rahmen der 3-Wege-Strategie zur Erfassung und digitalen Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland teil. Erste Ergebnisse finden sich hier.

Für Fragen, Anregungen und Anfragen zu Kooperationen wenden Sie sich bitte an humanities@mfn.berlin.

Zitierte und weiterführende Literatur

Archivbestände

  • HBSB, Zoolog. Museum S I, Frühe Kataloge, Mappe 6 Eingangskatalog (1816‒1828)
  • Bestand Säugetierkustodie

Angermann, Renate, Die Säugetierkollektion des Museums für Naturkunde der Humboldt- Universität zu Berlin, in: Säugetierkd. Inf. 3 (1989), H. 13, S. 47‒68.

Bericht aus dem Zoologischen Museum in Berlin im Rechnungsjahr 1915, in: Mitt. Zool. Mus. Berl. (1916), S. 241‒255.

Brauer, August, Das Zoologische Museum, in: Geschichte der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, hrsg. von Max Lenz, Berlin 1910, S. 372‒388.

Bruchwitz, Arend, Koloniale Sammelpraktiken zwischen Kamerun und Berlin ‒ Die Säugetierkustodie des Museums für Naturkunde 1889‒1916, Masterarbeit HU-Berlin 2019. 

Gissibl, Bernhard, The Nature of German Imperialism. Conservation and the Politics of Wildlife in Colonial East Africa, New York 2016.

Heumann, Ina, Stoecker, Holger, Tamborini, Marco, Vennen, Mareike, Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte 1906–2018, Göttingen 2018.

Kaiser, Katja, Sammelpraxis und Sammlungspolitik. Das Beispiel Georg Zenker, in: Rahemipour, Patricia (Hrsg.), Bipindi – Berlin. Ein wissenschaftshistorischer und künstlerischer Beitrag zur Kolonialgeschichte des Sammelns (= KOSMOS Berlin – Forschungsperspektive Sammlungen, Bd. 1), Berlin 2018, S. 7-46.

Köstering, Susanne, Natur zum Anschauen. Das Naturkundemuseum des deutschen Kaiserreichs 1871–1914, Köln 2003.

Kretschmann, Carsten, Räume öffnen sich. Naturhistorische Museen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Berlin 2006.

Liebisch, Das geologisch-paläontologische Institut und Museum, in: Geschichte der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, hrsg. von Max Lenz, Halle 1910, S. 310‒319 .

Heinrich Lichtenstein, Das Zoologische Museum der Universität zu Berlin, Berlin 1816.

Miehlbradt, Sandra, Von königlichen Audienzen, stillen Helfern und Jagdtrophäen. Das Sammeln naturkundlicher Objekte für das Museum für Naturkunde im kolonialen Kontext, in: Brogatio, Heinz Peter/Röschner, Mathias (Hg.): Koloniale Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft, Halle 2020, S. 12‒23.

Nyhart, Lynn K., Modern Nature. The Rise of the Biological Perspective in Germany, Chicago 2009.

Pappenheim, Paul, Bericht über das Zoologische Museum der Universität Berlin in den Jahren 1916-1926, Berlin 1928.

Stoecker, Holger, Ein afrikanischer Dinosaurier in Berlin. Der Brachiosaurus brancai als deutscher und tansanischer Erinnerungsort, in: WerkstattGeschichte, Nr. 77 (2018): S. 65–83.

Uhlig, Manfred/Jaeger, Bernd, Zur Erforschung der Käferfauna der afrotropischen Region durch das Museum für Naturkunde Berlin mit einem Überblick über die  coleopterologischen Ergebnisse der ersten gemeinsamen Expedition des Museums für Naturkunde Berlin und des State Museum Windhoek in Namibia, in Mitt. Zool. Mus. Berl. 71 (1995), 2, S. 213‒245.